Das Schicksal nimmt seinen Lauf


Bei seinem TV-Auftritt in der Milton Berle-Show am 5. Juni 1956 gab Elvis erstmals Hound Dog zum Besten. Zur Begeisterung vor allem der jungen Zuschauer macht Elvis während eines langsameren Blues-Teils besonders rhythmische Hüft- und Beinbewegungen. 
Es folgte ein nationaler Aufruhr ungeahnten Ausmaßes in den Medien, die The Pelvis von nun an als „Personifikation der die Teenager Amerikas verderbenden Rock-’n’-Roll-Bewegung“ brandmarkte. Die nächste Fernsehshow, die Elvis Presley buchte, war die erst im Juni 1956 neu gegründete Show von Steve Allen, die sich in direkter Konkurrenz zur Nummer eins unter den Shows – der Show von Ed Sullivan – positionieren wollte. Die Steve Allen-Show, in der im nächsten Jahr Jerry Lee Lewis seinen Durchbruch feiern würde, überstieg mit Elvis erstmals die Einschaltquoten von Ed Sullivan. Folgerichtig war Presleys nächste Station die Ed Sullivan Show, in der er laut Sullivan eigentlich nie hätte auftreten sollen – wäre der Entertainer nicht von Steve Allen bezüglich der Einschaltquoten ausgestochen worden.

Am Tag nach seinem gezähmten TV-Auftritt im Frack bei Steve Allen nimmt Elvis den Song Hound Dog im RCA-Studio auf. Nach 31 (!) Versuchen ist er zufrieden. Für Don’t be cruel reichen dem Perfektionisten 28 Durchläufe. Sein Pensum: Nur fünf Songs an zwei Tagen.

Und auch 1957 beherrscht Elvis die Charts. Es regnet förmlich goldene Schallplatten darunter fünf Nr. 1-Hits in einem Jahr: Too much, All shook up, Teddybear, Jailhouse rock und Loving you.


Das Frühjahr 1958 startet für Jerry Lee mit der ersten Auslandstournee, gemeinsam mit Buddy Holly und dem jungen Paul Anka. Zurück in den Staaten ringt der Pianowüstling mit Chuck Berry während Alan Freeds Big Beat-Tour in 46 Städten um die Krone des Rock’n’Roll, die Elvis im März aufgrund seines Wehrdienstes zurückließ. 
Breathless! Doch Jerry Lees starker Hang zu Eheschließungen führt im Juni zum jähen Absturz seiner kometenhaften Karriere. Die 13Jährige Cousine (dritten Grades) und gleichzeitig dritte Ehefrau wird zu seinem Verhängnis und ein Fall für das englische Innenministerium und zudem ein Schlachtfest für die Schlagzeilenschreiber. Nach nur drei von 37 geplanten Auftritten muss der ‚Kinderräuber’ und ‚Babyschänder’ England verlassen und kommt vom Regen in die Traufe: Auch Amerika wendet sich von ihm ab, und seine Platten werden boykottiert. Bezeichnender Weise beschreibt die Rückseite seiner aktuellen Single High school confidential (Filmtitel: Mit Siebzehn am Abgrund) die vorherrschende Situation und den eigenen Gemütszustand: Fools like me.


Nach Baby, let’s playhouse ist für Elvis die letzte Single auf SUN die erfolgreichste. I forgot to remember to forget ist im August 1955 die erste Nr. 1 der nationalen Billboard-Country-Charts; im Juli 1958 ist dieser Song auch die letzte Single von Johnny Cash für SUN-Records. Jerry Lees Versionen werden erst in den 80igern mit seinen gesamten SUN-Aufnahmen veröffentlicht.


Johnny Cash kann nach dem Wechsel zum Major Label Columbia Records weiterhin Erfolge feiern: I got stripes, Five feet high and rising und Don’t take your guns to town. 1959 ist er erstmalig im Ausland auf Tournee – mit Gene Vincent in Australien. Ein Jahr später stößt der ehemalige Carl Perkins-Schlagzeuger W.S. ‚Fluke’ Holland zur Band – fortan die ‚Tennessee Three’. Labelkollege Carl Perkins kann an seinen großen Erfolg Blue suede shoes nicht mehr anknüpfen und ist ab Mitte der 60er und in den 70er Jahren fester Begleitmusiker bei Johnny Cash.

Elvis lernt kurz vor Ende seiner Armeezeit in Friedberg Priscilla Beaulieu kennen, die 14Jährige Stieftochter eines Captains der Air Force. Zurück in Amerika wird Elvis nach einem sagenhaften Empfang seiner Fans von seinem ehemaligen Widersacher Frank Sinatra zu einem Welcome home TV-Special eingeladen. Ein gezähmter Elvis präsentiert sich. Auch musikalisch deutet sich ein Richtungswechsel an. Seine neuen Hits heißen Fever, Are you lonesome tonight und It’s now or never.

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Die wilden 50er


Während der hüftschwingende Elvis mit schwarz gefärbten Haaren seinen zweiten Kinofilm Loving you (Gold aus heißer Kehle) dreht, touren Jerry Lee, Johnny Cash und Carl Perkins gemeinsam durch den Süden Amerikas. Johnny Cash, der zuvor Elvis’ Auftrittsperformance studierte, parodiert nun Elvis’ ersten Hit Heartbreak Hotel bei den eigenen Shows.

Und auch der Neuling Jerry Lee feilt an seiner Bühnenshow und spielt auf Anraten seiner beiden Mitstreiter das Piano im Stehen. Als in einem unkontrollierten Moment gar der Klavierhocker umfällt und das Publikum die Szene mit Applaus quittiert, weiß Jerry Lee, wie er seine Zuschauer fortan in den Bann ziehen wird. Aufgekratzt von den Konzerten, geht das wilde, ausgelassene Tourleben in den Hotels weiter: Die Zimmer werden mit Stroh ausgelegt und mit gackernden Hühnern gefüllt. Das Mobiliar wird eigenwillig ausgetauscht oder gleich mitgenommen. Auf den Hotelgängen finden mitten in der Nacht Schießereien (mit Platzpatronen) statt – zum Leidwesen schlafender Hotelgäste.

Musikalisch gelingt Jerry Lee im Sommer 1957 der große Wurf: Seine zweite Single Whole lotta shakin’ goin’ on verdrängt Elvis’ Teddybear von der Chartspitzenposition, und der exzentrische Mann aus Louisiana mit seinem agressivem Klavierstil wird zur neuen Speerspitze von SUN-Records.

Doch Elvis’ Erfolgsserie reißt nicht ab, und aus dem Erlös drei weiterer Nummer 1-Hits 1957 (All shook up, Jailhouse Rock, Too much) kauft Elvis zum Schutz vor allzu aufdringlichen Fans das Anwesen Graceland vor den Toren der Stadt Memphis für 100.000 $. Johnny Cash besingt sein „Zuhause“ melancholisch – erstmalig mit Klavierbegleitung: Home of the Blues. Gemeint ist sein Lieblingsplattenladen in Memphis. Die erste LP von SUN erscheint: Johnny Cash with his hot & blue guitar. 
Und Jerry Lee zündet Ende des Jahres sein nächstes Höllenfeuer: Great balls of fire! Der Song – ursprünglich von zwei Musikern (Jerry Lee: Piano + vocal und James van Eaton – Schlagzeug) eingespielt – ist gleichzeitig explosiver Höhepunkt des Musikkinofilms Discjockey Jamboree, bei dem auch Carl Perkins seine neue Single vorstellt: Glad all over – mit mäßigem Erfolg. Dieser hatte zuvor den „Fire-Song“ abgelehnt.
Drei ländliche Südstaatenburschen aus ärmlichen Verhältnissen sind jeweils innerhalb eines Jahres wie Phoenix aus der Asche auferstanden und zu neuen Jugendidolen aufgestiegen…

Das Million Dollar Quartett

Drei Tage später, am 4.12.1956 kommt es zum Gipfeltreffen der künftigen Musikgiganten. Bei einer Session im SUN-Studio jammen Elvis, Jerry Lee, Johnny Cash und Carl Perkins munter drauflos – das Million Dollar Quartet ist geboren.

Zu diesem Zeitpunkt hat Elvis bereits fünf Alben bei RCA veröffentlicht und sein Leinwanddebut (Love me Tender) gegeben. Bemerkenswerter Weise ist der jüngste Interpret, der gerade seinen ersten Tonträger herausbrachte, der (vor)lauteste. Von Johnny Cash ist gar nichts zu hören, Carl Perkins beschränkt sich in Anwesenheit von Elvis vornehmlich auf die Gitarrenbegleitung. Nur Jerry Lee, der an diesem Tag als Studiomusiker für Mr. Blue suede shoes am Piano saß, besitzt sogar die Dreistigkeit, den berühmtesten Rock’n’Roll-Repräsentanten vom Klavierstuhl zu verbannen. Die vier Musiker spielen in dieser Jam-Session Stücke aller Genres, darunter eine stattliche Menge Gospel wie Peace in the Valley, Chuck Berrys Brown Eyed Handsome Man bis hin zu Presleys eigenen Titeln Don’t Be Cruel und That’s When Your Heartaches Begin. Sam Phillips lässt das Aufnahmegerät mitlaufen. Nachdem die Bänder über Jahrzehnte verschwunden waren, erscheint die berühmte Jam-Session des „Million Dollar Quartets“ erst 1981 als Langspielplatte und ist heute vollständig auf CD erhältlich.

Auf Elvis’ erstem Album reihen sich viele seiner Lieblingssongs aus den Rhythm & Blues-Charts aneinander – Lieder, die er in seiner Kindheit hörte. Elvis konnte sich wenig Platten kaufen, doch hatte er die Gabe, sich die Texte und Abläufe der Musikstücke schnell zu merken. Presley las keine Noten und spielte rein nach Gehör, wobei er jedes Lied perfektionistisch so häufig wiederholte, bis er sich ganz sicher war, das Gefühl des Songs bestmöglich transportiert zu haben. Dazu trug er den Titel im Studio vor, als würde er vor einem Live-Publikum auftreten. Mit Erfolg: die erste LP Elvis Presley, auf der Songs aus der SUN-Zeit mit den neuen RCA-Aufnahmen kombiniert wurden, erreichte nur wenige Wochen nach Erscheinen die Nummer eins der Billboard-LP-Charts und wurde das erste Millionen-Dollar-Album in der Geschichte RCAs.

Die ersten Aufnahmen

Am 5.7.54 spielt der als ‚guter Balladensänger’ vermerkte 19Jährige mit zwei weiteren Musikern, Scotty Moore an der Lead-Gitarre und Bill Black am Kontrabass, im SUN-Studio seine erste Single ein. Der bekannte Memphis-DJ Dewey Phillips ist es, der den ersten Rockabilly-Titel der Geschichte in seiner Radiosendung auf WHBQ spielt, noch bevor sie als Single erschienen ist. Und That’s all right löst eine Flutwelle von Telefonanrufen im Sender aus. Der Zündfunke für den Rock’n’Roll ist entfacht. Wer ist dieser Sänger, der klingt wie ein Schwarzer? Der bekannte Country-Künstler Marty Robbins, bei dem das junge Talent im August `54 im Vorprogramm auftritt, führt eine an Elvis’ Aufnahme orientierte Version Anfang 1955 sogar in die Top 10 der Charts.

Die Rückseite Blue moon of Kentucky veranlasst den Originalinterpreten Bill Monroe sogar, seinen Titel – diesmal in einer wesentlich schnelleren Version – erneut einzuspielen.


Elvis, die singende Sensation, wird zum Idol der Memphis-Jugend.
Derweil tingelt Jerry Lee durch die Kneipen und sammelt als Pianist und Schlagzeuger erste Live-Erfahrung. Kurz nach Erscheinen Elvis’ erster Single erlebt Johnny Cash, zurück von der Air Force, das ‚Stadtgespräch’ auf dem Lastwagen, was ihn veranlasst, die Instrumentierung in der eigenen Westerngitarren-Band anzupassen. Fortan spielt Marshall Grant auf dem Kontrabass, und Luther Perkins übernimmt mit seinen rudimentären Kenntnissen die Lead-Gitarre. Auf Anraten von Scotty Moore versucht Johnny Cash auch bei SUN-Records in Memphis sein Glück. Seine Beharrlichkeit führt endlich zum Erfolg, und er erhält eine Audienz bei Sam Phillips. 



Der fordert Cash auf, seine Band mitzubringen. Trotz der Bedenken von Johnny Cash ist beim nächsten Stelldichein nach 35(!) Versuchen die A-Seite der ersten Single eingespielt: Hey, Porter!, zu einem eigen verfassten Gedicht aus Cashs Armeezeit in Landsberg. Das Resultat: Der urtypische Boom-chicka-boom-Sound mit dem perkussiven Schnarren der Rhythmusgitarre – nicht erarbeitet, sondern das Einzige, was sie konnten -, avanciert zum musikalischen Markenzeichen des ungewöhnlichen Country-Interpreten und findet überregional Beachtung.

Schon kurz darauf sind Johnny Cash und Elvis,“The Hillbilly Cat“ gemeinsam mit Carl Perkins, einem weiteren jungen Gitarristen aus dem SUN-Stall, und Wanda Jackson im Sommer 1955 auf Tour. Bei den zusätzlichen Wochenend-Auftritten für das Louisiana Hayride, eine innovative Live-Radioshow, lernt Elvis, seinen künftigen Schlagzeuger DJ Fontana kennen. Colonel Parker erkennt sofort das Potenzial des „King of Western Bop“ und ist beeindruckt von den kreischenden Reaktionen, die Elvis durch seine körperbetonten Bühnenauftritte bei den vornehmlich weiblichen Fans hervorruft. Als neuer persönlicher Manager fädelt er einen Plattenvertrag mit dem Branchenriesen RCA ein. Gleichzeitig kann das kleine SUN-Label durch den Verkauf von Elvis die Karrieren seiner neuen Stars Johnny Cash und Carl Perkins und später Jerry Lee Lewis stärker fördern. Mit Erfolg: Nach Folsom Prison Blues wird die dritte Single von Johnny Cash im Mai 1956 seine erste No. 1 in den Country-Charts: Walk the line. Die Rückseite Get Rhythm – über das Schicksal eines Schuhputzers – hatte der markante Bassbariton ursprünglich für Elvis geschrieben.


Elvis kann im Jahr seines nationalen Durchbruchs sogar vier (!) No.1-Hits platzieren: Heartbreak Hotel, Don’t be cruel, Hound Dog und Love me tender (1 Million Vorbestellungen!). Nach 11 (!) Fernsehauftritten, meist im auffälligen Beale-Street-Look, erscheint im November der erste Kinofilm von Elvis (Pulverdampf und heiße Lieder).

Und auch an Jerry Lee geht die Massenhysterie um Elvis nicht vorbei. Er liest einen Zeitungsartikel über den 21jährigen Shootingstar und fasst den Entschluss, auch Berufsmusiker zu werden. Doch in Nashville macht ihm der künftige Studiogitarrist von Elvis, Chet Atkins, unmissverständlich klar, dass Jerry Lee besser Gitarre spielen solle als Klavier. Unbeeindruckt versucht er sein Glück in Memphis, bei SUN Records in der Union Avenue 706 – mit Erfolg. Der neue Studioproduzent Jack Clement schart zwei Studiomusiker (Roland Janes – Leadgitarre und James van Eaton – Schlagzeug) um den jungen Pianisten und spielt Sam Phillips die Demoaufnahmen vor. 
Am 1.12.1956 erscheint Jerry Lees Debut-Single: End of the road/Crazy arms.

The day the music died


Weitere Köpfe des Rock’n’Roll ereilt das Schicksal: Am 3.2.59 verunglücken Buddy Holly, Ritchie Valens und der Big Bopper – fünf Minuten vor der Landung – bei einem Flugzeugabsturz (the day, the music died); Der King ist einkaserniert in Deutschland, Jerry Lee wird nach dem Englandskandal um seine 13jährige Ehefrau von den Radiostationen boykottiert.


 Chuck Berry wird zu drei Jahren Haft verurteilt, weil er angeblich eine Minderjährige aus Mexiko nach Amerika geschmuggelt habe.


Der bei der Jugend beliebte DJ Alan Freed wird zum Stellvertreter-Sündenbock und muss sich gar wegen eines Payola-Prozesses verantworten – ein Schauprozess gegen den Rock’n’Roll. Bereits seit den 1920er Jahren wurde mit kleinen Geschenken erreicht, dass bestimmte Lieder im Rundfunk stärker berücksichtigt worden. Um die zahlungskräftigen Teenager zu beeinflussen, erreichte der Vorgang „pay for play“ in den 50ern neue Dimensionen und förderte gleichzeitig neue Künstler (die Bobby-Rocker) zutage, die durch ihren gemäßigten Stil größere Käuferschichten erreichten.


Die Folge: der Rock’n’Roll zeigt sich von der schmusigen Seite. Aus den Wilden werden die Milden. Die ältere Generation atmet wieder auf. Die Zeit des harten, unberechenbaren, gefährlichen Rock’n’Roll ist vorbei.

Die Blütezeit des Rock’n’Roll ist Ende 1958 beendet. Zu diesem Zeitpunkt sind auch die meisten farbigen Künstler vorübergehend zum Twist oder bereits zum frühen Soul gewechselt. Erste Anzeichen dazu findet man bei Ray Charles, dessen What’d I say im Jahr 1959 Platz 6 der Pop-Charts erreicht. In den ab 1958 erscheinenden Billboard Hot 100, die aus den bestverkauften Singles und den meist gespielten Radiosongs bestehen, wird das Lied ebenfalls notiert. Jerry Lee Lewis nimmt den Song auch auf und erreicht immerhin bei Pop Platz 30 und in den Country & Western-Charts Platz 26.

Highschool-Rock’n’Roll

Während es in Deutschland brodelt, entspannt sich die Lage in Amerika…
Der Druck der Öffentlichkeit und religiöser Organisationen sowie staatliches Eingreifen begrenzt oder entfernt den 
Rock ’n‘ Roll zunächst aus den Medien und führt dann Ende der 50iger Jahre zu dessen allgemeiner Ächtung. Dieser Entwicklung beugen sich zahlreiche junge Stars oder ziehen sich gar komplett aus dem Musikgeschäft zurück. Viele versuchen, durch extrem angepasstes Verhalten den erneuten Zugang zu den Massen und kommerziellen Erfolg zu erreichen. So wendet sich Little Richard Ende `57 (letzte Single: Good Golly Miss Molly) in der Überzeugung, Rock ’n‘ Roll wäre vom Teufel gemacht, dem Studium der Theologie zu. Er deutete das Verglühen der russischen Raumsonde Sputnik als Wink des Schicksals und zieht fortan als Prediger durch die Lande.


In der zweiten Jahreshälfte 1958 hat der Drei-Akkorde-Wahnsinn an Bedrohungspotenzial verloren; es beginnt die große Zeit des Highschool-Rock’n’Roll. Eine große Anzahl junger, glatt gestylter Künstler singt fortan zumeist Balladen, die speziell für das weibliche Teenager-Klientel ausgesucht werden. Für gutaussehende Jungs wie Paul Anka (Lonely boy), Bobby Darin (Dream lover), Ricky Nelson (Poor little fool), Conway Twitty (It’s only make believe) und Dion & the Belmonts (Teenager in love) schlagen nun die Herzen höher.

Deutschland im Rock’n’Roll-Fieber


Der Rock’n’Roll-Virus erreicht Deutschland:
1954 kann man das Gedudel auf Deutschlands Radiowellen nur im Suff ertragen, nicht umsonst ist Alkohol in den Hitparaden ein beliebtes Thema: „Die Zehn Whiskeys“ sind mit ihrem Hit „Wir, wir, wir haben ein Klavier“ zwei Monate auf Platz 1, im September folgt der „Wodka-Fox“ von Hans-Arno Simon. Na, dann Prost! Nur „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ ist was los, weiß Hans Albers zu berichten. Doch der Soldatensender AFN (American Forces Network) bringt den Rock’n’Roll nach Europa. Und während Freddy Quinn noch sein ‚Heimweh’ besingt, startet Ende 1956 die musikalische Attacke: Rock around the Clock ist die erste ausländische Single, die über eine Million Mal in Deutschland verkauft und mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde. Der Haley-Song kommt im April 1956 in die deutschen Charts und bleibt für vier Wochen die Nummer eins.

Tutti Frutti wird von Elvis-Ersatz Peter Kraus eingedeutscht, und Kanzler Adenauer feiert dazu seinen 82. Ehrentag. Im gleichen Jahr erscheint die erste BRAVO, Zeitschrift für Film und Fernsehen, mit dem Titelbild von Marilyn Monroe. Im Kino laufen derweil die James Dean-Filme: „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Giganten“. Das deutsche Pendant dazu: „Die Halbstarken“ mit Horst Buchholz und Karin Baal. Peter Alexander warnt zwar noch „Wehe, wenn sie losgelassen“ doch da ist es bereits zu spät: Eine hysterische Menschenmasse erwartet den berühmtesten GI am 2.10.58 in Bremerhaven, der seinen Militärdienst in Friedberg absolvieren muss. Kurz darauf kommt es zum Treffen der Rock’n’Roll-Giganten: Während seiner Deutschland-Tour empfängt Bill Haley im Oktober 1958 den GI Elvis Presley in seiner Garderobe in Frankfurt. Das, was Elvis in Amerika mit seiner Musik begann, setzt Bill nun in Deutschland fort: Es kommt immer wieder zu tumultartigen Szenen, in deren Verlauf einige Stuhlreihen zu Bruch gehen. Bereits bei den Konzerten in München, Stuttgart und Hamburg haben jugendliche Fans randaliert und Sachschäden verursacht. In Berlin mündet das Konzert in einer regelrechten Saalschlacht. Schuld war aber auch das Orchester von Kurt Edelhagen und Bill Ramsey, die die sogenannten Halbstarken im Vorprogramm mit Jazz langweilten. Die Bereitschaftspolizei benötigt Stunden, um die randalierenden Jugendlichen aus der Halle zu drängen. Wenig später erhält Bill Haley eine Gastrolle in dem deutschen Film „Hier bin ich, hier bleib ich“ und singt im Duett mit Caterina Valente das Lied „Viva la Rock and Roll“.

Pionier des Rock’n’Roll: Bill Haley

Bill Haley (*6.7.25 – 9.2.81) nahm bereits als 19-jähriger 1944 seine erste Single auf: Westernswing, ein Teil der frühen Rock’n’Roll-Rezeptur, mit seiner Cowboy-Jive-Band, den Saddlemen. Die ersten Griffe auf der Gitarre zeigte ihm zuvor Hank Williams.
Eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Rock around the clock und Move it on over, dem ersten Hank Williams-Hit aus dem Jahre 1947, ist dabei verblüffend. 1951 war Bill Haley dann der erste weiße Künstler, der einen schwarzen (Rhythm & Blues) Song coverte: Rocket 88. Vorher war alles schwarz/weiß, wie das Fernsehen. Nach dem Erfolg von Rock this joint legte die Band ihr Cowboyimage ab und nannte sich ab 1952 „Comets“. Der erste nationale Top Twenty-Rock’n’Roll-Hit (No. 12 der Pop-Charts) folgte wenig später – im Mai 1953: Crazy man crazy.

Bill Haley gilt als R’n’R-Pionier und wird auch als Vater des Rock’n’Roll bezeichnet. Ein paar Monate lang war er der erste Mann der neuen Musik und ohne Zweifel ihr erster Superstar, doch als Elvis 1956 die Szene betrat, waren Haleys Tage als König des Rock’n’Rolls gezählt – obwohl Elvis 1955 sogar noch im Vorprogramm von Bill Haley auftrat.

Der Gitarrist Danny Cedrone, der das markante Solo (ursprünglich von Rock this joint) gespielt hatte, sollte den Erfolg von Rock around the clock nicht mehr miterleben. Er verunglückte drei Monate (20.7.54) nach der Aufnahme auf tragische Weise: Als er abends für seine Frau noch ein Sandwich holen wollte, stolperte er auf den Treppenstufen und brach sich das Genick.

Rock around the clock

Rock around the clock war nicht der Erste, aber ein sehr bedeutender, wegbereitender Rock’n’Roll-Song. So tauchte in den weiteren 50 Jahren dieser Klassiker immer wieder in den Charts auf. In Großbritannien war die Platte der erste Millionseller überhaupt und auch in Deutschland wurde der Clock-Song 1956 mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Als Urknall des Rock’n’Roll löste Rock around the clock geradezu eine Zeitwende in der Musikgeschichte aus. Es war die erste echte R’n‘R-Single, die eine Nr. 1-Position in den amerikanischen Charts erreichte. Bis zum Jahresende 1955 wurde sie 6 Millionen Mal verkauft, in der Folgezeit mit geschätzten über 25 Millionen verkaufter Platten avancierte sie schließlich zum umsatzstärksten Pop-Hit aller Zeiten. Für die einen war es die Hymne der Freiheit, für die anderen war es die Hymne des Terrors.


Anfang der 50er wuchs die Kluft zwischen Jung und Alt, Rock’n’Roll wurde zum Ventil einer ganzen (Jugend-)Generation. Die Teenager hatten fortan ihre eigene Jugendmusik und gleichzeitig einen eigenen Soundtrack für ihre Rebellion gegen die konservative Elterngeneration. Die Älteren sprachen abschätzig von Negermusik oder Hottentottenmusik. Für den unzufriedenen Nachwuchs spiegelte diese Musik jedoch die Sehnsucht nach Unabhängigkeit wider. Und die neue Zielgruppe der Teenager mit eigenem Geschmack, was Kleidung, Filme und Musik anging, hatte Kaufkraft! Der Blick der Elterngeneration war rückwärtsgewandt; die Jugend blickte nach vorn…

Aber wie war’s damals? Bill Haley und seine Comets verspäten sich am 12.4.54 um zwei Stunden zur 6-stündigen Aufnahmesession im Decca Studio A in New York, Manhattan, weil ihre Fähre auf Sand gelaufen ist. Somit verbleiben nach der Einspielung der A-Seite Thirteen women nur noch 40 Aufnahmeminuten für Rock around the clock. Da der Song live-erprobt ist, reicht die knappe Zeit. Die Comets orientieren sich beim Rhythmus an der typischen Offbeat-Betonung des Jump Blues ihres Labelkollegen Louis Prima.
Im Mai 1954 wird die Single (mit Rock around the clock als B-Seite) veröffentlicht und verkauft sich immerhin 75.000-mal. Beste Platzierung ist die Chartposition No. 23. Seine explosive Wirkung entfaltet der Clock-Song erst ein knappes Jahr später – durch einen Zufall: Der Sohn von Glenn Ford hört das Lied, während sein Vater mit dem Regisseur Richard Brooks über ein neues Filmprojekt spricht. Dieser sucht einen Soundtrack für „Saat der Gewalt“ (Blackboard jungle, Filmdebut 25.3.55): Es geht um Jugendkriminalität an Schulen. Gleich im Vorspann ertönt, was die Stunde geschlagen hat. Der zweimalige Einsatz des Haley-Titels verschafft der neuen Musikrichtung weltweit den Durchbruch, die fortan vom Musik-Establishment als Rock ’n’ Roll bezeichnet wird. Ein kometenhafter Aufstieg der Comets und der Musik ist die Folge…
1956 ertönt der Song dreimal erneut im gleichnamigen Musikkinofilm (zu dt. Außer Rand und Band) und sorgt für konstante Verkaufszahlen dieses Welthits.

Revolution in den Charts


In den USA gibt es Aufzeichnungen von Hitparaden bereits seit 1890. Es ist eine amerikanische Eigenheit, die Charts für Rhythm & Blues, Country & Western und Pop-Musik gesondert auszuweisen. Viele Titel finden sich daher in mehreren Charts mit unterschiedlicher Platzierung wieder. Im Laufe der 50er Jahre nehmen diese Überschneidungen stetig zu – ein eindeutiger Beweis für die nun rapide voranschreitende Verschmelzung der ursprünglich eigenständigen Musikrichtungen.
Viele Radiosender weigern sich anfangs noch, die neue Teufelsmusik zu spielen. Doch die Teenager finden `ihre’ Musik in den Jukeboxes, z.B. in öffentlichen Milchbars. Mit diesen neuen, bedrohlichen Klängen wird Amerika aus dem Tiefschlaf erweckt: An mehreren Stellen brodelt es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Revolution beginnt vom Süden her. Anfang der 50er Jahre wächst die Kluft zwischen den Eltern und den Teenagern, die erste Subkultur der Nachkriegszeit. Das oberste Ziel der Jugend ist, sich der Kontrolle der Erwachsenen zu entziehen – ein Schock für die Eltern. Die Kinder sind nicht mehr lieb und brav, sondern wild und ungezügelt. Der Begriff Teenager ist gleichbedeutend mit Ärger und Ungehorsam. Der Generationenkonflikt spitzt sich zu. Der Rock’n’Roll heizt diese Revolte an. Der Sittenverfall droht. Angeblich.

Mit dem Musikfilm ‚Don’t knock the rock` versucht Bill Haley noch zu vermitteln, doch immer mehr Bürger sehen den Rock’n’Roll als Gefahr. Die Gegnerschaft formiert sich. Es ziehen erste dunkle Wolken am aufgehenden Rock’n’Roll-Himmel auf. Skurrile und landesweite Aktionen gegen den Rock’n’Roll sind an der Tagesordnung. Ein TV-Moderator zerschlägt während seiner Sendung eine Schallplatte: „Das ist, was man mit Rock’n’Roll tun sollte!“ Ein Gebrauchtwagenhändler verspricht, beim Kauf eines seiner Gefährte, „in Ihrer persönlichen Gegenwart“ eine Anzahl Elvis-Platten zu zerbrechen – und verkauft Autos wie nie zuvor.

Damit nicht genug, werden die Rassenschranken durch die neue Musik aufgeweicht: Der weiße Country und der schwarze Rhythm & Blues vereinigen sich. Ein musikalischer Skandal!

Außer Rand und Band

War der Rock’n’Roll zu Beginn noch schwarz, wurde er nun schwarz/weiß, zum Ende des Rock’n’Roll-Booms fast ausschließlich weiß. Wichtig für die langsame, aber stetige Entwicklung des Rock’n’Roll waren Radio-Disc-Jockeys wie Dewey Phillips in Memphis (WHBQ) und Alan Freed in Cleveland, Ohio (WJW).

Diese Disc-Jockeys erweisen sich als erfrischend, direkt und hervorragend geeignet, junge Menschen, schwarz oder weiß, anzusprechen. Alan Freed geht sogar noch einen Schritt weiter und präsentiert die Musik live – mit schwarzen Interpreten, zu denen – oh Graus – mehr weiße als schwarze Besucher kommen, darunter viele künftige Künstler, die später die R&B-Songs erneut zu Hits führen. Ab 1956 dreht der beliebte DJ sogar Rock’n’Roll-Filme wie „Außer Rand und Band“ (Teil 1 und 2) oder „Mr. Rock’n’Roll“. Das weiße Establishment schaut argwöhnisch darauf, dass immer mehr weiße junge Leute der schwarzen Musik folgen, denn jedes Aufweichen der Rassenschranken scheint ihm gefährlich. Die Radiostationen haben Anfang der 50er fast ausschließlich weiße Besitzer, die sich aber um Rassenschranken und Politik wenig scheren. Ihnen kommt es vor allem darauf an, Werbezeit zu verkaufen. Und mit der steigenden Kaufkraft der Teenager und dem Vordringen der schwarzen Musik, mal Rhythm & Blues genannt, mal Rock’n’Roll, wäre es dumm, auf dieses Publikum zu verzichten. Es gibt den Spruch „Grün schlägt weiß“. Das bedeutet, dass der Dollar, dessen Banknoten ja grün sind, sich um die Rassenfrage nicht kümmert.