Das Million Dollar Quartett

Drei Tage später, am 4.12.1956 kommt es zum Gipfeltreffen der künftigen Musikgiganten. Bei einer Session im SUN-Studio jammen Elvis, Jerry Lee, Johnny Cash und Carl Perkins munter drauflos – das Million Dollar Quartet ist geboren.

Zu diesem Zeitpunkt hat Elvis bereits fünf Alben bei RCA veröffentlicht und sein Leinwanddebut (Love me Tender) gegeben. Bemerkenswerter Weise ist der jüngste Interpret, der gerade seinen ersten Tonträger herausbrachte, der (vor)lauteste. Von Johnny Cash ist gar nichts zu hören, Carl Perkins beschränkt sich in Anwesenheit von Elvis vornehmlich auf die Gitarrenbegleitung. Nur Jerry Lee, der an diesem Tag als Studiomusiker für Mr. Blue suede shoes am Piano saß, besitzt sogar die Dreistigkeit, den berühmtesten Rock’n’Roll-Repräsentanten vom Klavierstuhl zu verbannen. Die vier Musiker spielen in dieser Jam-Session Stücke aller Genres, darunter eine stattliche Menge Gospel wie Peace in the Valley, Chuck Berrys Brown Eyed Handsome Man bis hin zu Presleys eigenen Titeln Don’t Be Cruel und That’s When Your Heartaches Begin. Sam Phillips lässt das Aufnahmegerät mitlaufen. Nachdem die Bänder über Jahrzehnte verschwunden waren, erscheint die berühmte Jam-Session des „Million Dollar Quartets“ erst 1981 als Langspielplatte und ist heute vollständig auf CD erhältlich.

Auf Elvis’ erstem Album reihen sich viele seiner Lieblingssongs aus den Rhythm & Blues-Charts aneinander – Lieder, die er in seiner Kindheit hörte. Elvis konnte sich wenig Platten kaufen, doch hatte er die Gabe, sich die Texte und Abläufe der Musikstücke schnell zu merken. Presley las keine Noten und spielte rein nach Gehör, wobei er jedes Lied perfektionistisch so häufig wiederholte, bis er sich ganz sicher war, das Gefühl des Songs bestmöglich transportiert zu haben. Dazu trug er den Titel im Studio vor, als würde er vor einem Live-Publikum auftreten. Mit Erfolg: die erste LP Elvis Presley, auf der Songs aus der SUN-Zeit mit den neuen RCA-Aufnahmen kombiniert wurden, erreichte nur wenige Wochen nach Erscheinen die Nummer eins der Billboard-LP-Charts und wurde das erste Millionen-Dollar-Album in der Geschichte RCAs.

Advertisements

Die ersten Aufnahmen

Am 5.7.54 spielt der als ‚guter Balladensänger’ vermerkte 19Jährige mit zwei weiteren Musikern, Scotty Moore an der Lead-Gitarre und Bill Black am Kontrabass, im SUN-Studio seine erste Single ein. Der bekannte Memphis-DJ Dewey Phillips ist es, der den ersten Rockabilly-Titel der Geschichte in seiner Radiosendung auf WHBQ spielt, noch bevor sie als Single erschienen ist. Und That’s all right löst eine Flutwelle von Telefonanrufen im Sender aus. Der Zündfunke für den Rock’n’Roll ist entfacht. Wer ist dieser Sänger, der klingt wie ein Schwarzer? Der bekannte Country-Künstler Marty Robbins, bei dem das junge Talent im August `54 im Vorprogramm auftritt, führt eine an Elvis’ Aufnahme orientierte Version Anfang 1955 sogar in die Top 10 der Charts.

Die Rückseite Blue moon of Kentucky veranlasst den Originalinterpreten Bill Monroe sogar, seinen Titel – diesmal in einer wesentlich schnelleren Version – erneut einzuspielen.


Elvis, die singende Sensation, wird zum Idol der Memphis-Jugend.
Derweil tingelt Jerry Lee durch die Kneipen und sammelt als Pianist und Schlagzeuger erste Live-Erfahrung. Kurz nach Erscheinen Elvis’ erster Single erlebt Johnny Cash, zurück von der Air Force, das ‚Stadtgespräch’ auf dem Lastwagen, was ihn veranlasst, die Instrumentierung in der eigenen Westerngitarren-Band anzupassen. Fortan spielt Marshall Grant auf dem Kontrabass, und Luther Perkins übernimmt mit seinen rudimentären Kenntnissen die Lead-Gitarre. Auf Anraten von Scotty Moore versucht Johnny Cash auch bei SUN-Records in Memphis sein Glück. Seine Beharrlichkeit führt endlich zum Erfolg, und er erhält eine Audienz bei Sam Phillips. 



Der fordert Cash auf, seine Band mitzubringen. Trotz der Bedenken von Johnny Cash ist beim nächsten Stelldichein nach 35(!) Versuchen die A-Seite der ersten Single eingespielt: Hey, Porter!, zu einem eigen verfassten Gedicht aus Cashs Armeezeit in Landsberg. Das Resultat: Der urtypische Boom-chicka-boom-Sound mit dem perkussiven Schnarren der Rhythmusgitarre – nicht erarbeitet, sondern das Einzige, was sie konnten -, avanciert zum musikalischen Markenzeichen des ungewöhnlichen Country-Interpreten und findet überregional Beachtung.

Schon kurz darauf sind Johnny Cash und Elvis,“The Hillbilly Cat“ gemeinsam mit Carl Perkins, einem weiteren jungen Gitarristen aus dem SUN-Stall, und Wanda Jackson im Sommer 1955 auf Tour. Bei den zusätzlichen Wochenend-Auftritten für das Louisiana Hayride, eine innovative Live-Radioshow, lernt Elvis, seinen künftigen Schlagzeuger DJ Fontana kennen. Colonel Parker erkennt sofort das Potenzial des „King of Western Bop“ und ist beeindruckt von den kreischenden Reaktionen, die Elvis durch seine körperbetonten Bühnenauftritte bei den vornehmlich weiblichen Fans hervorruft. Als neuer persönlicher Manager fädelt er einen Plattenvertrag mit dem Branchenriesen RCA ein. Gleichzeitig kann das kleine SUN-Label durch den Verkauf von Elvis die Karrieren seiner neuen Stars Johnny Cash und Carl Perkins und später Jerry Lee Lewis stärker fördern. Mit Erfolg: Nach Folsom Prison Blues wird die dritte Single von Johnny Cash im Mai 1956 seine erste No. 1 in den Country-Charts: Walk the line. Die Rückseite Get Rhythm – über das Schicksal eines Schuhputzers – hatte der markante Bassbariton ursprünglich für Elvis geschrieben.


Elvis kann im Jahr seines nationalen Durchbruchs sogar vier (!) No.1-Hits platzieren: Heartbreak Hotel, Don’t be cruel, Hound Dog und Love me tender (1 Million Vorbestellungen!). Nach 11 (!) Fernsehauftritten, meist im auffälligen Beale-Street-Look, erscheint im November der erste Kinofilm von Elvis (Pulverdampf und heiße Lieder).

Und auch an Jerry Lee geht die Massenhysterie um Elvis nicht vorbei. Er liest einen Zeitungsartikel über den 21jährigen Shootingstar und fasst den Entschluss, auch Berufsmusiker zu werden. Doch in Nashville macht ihm der künftige Studiogitarrist von Elvis, Chet Atkins, unmissverständlich klar, dass Jerry Lee besser Gitarre spielen solle als Klavier. Unbeeindruckt versucht er sein Glück in Memphis, bei SUN Records in der Union Avenue 706 – mit Erfolg. Der neue Studioproduzent Jack Clement schart zwei Studiomusiker (Roland Janes – Leadgitarre und James van Eaton – Schlagzeug) um den jungen Pianisten und spielt Sam Phillips die Demoaufnahmen vor. 
Am 1.12.1956 erscheint Jerry Lees Debut-Single: End of the road/Crazy arms.

Die frühen Jahre

In ärmlichen Verhältnissen aufwachsend, mussten die Drei schon früh familiäre Schicksalsschläge hinnehmen: Wie auch Elvis verlor Jerry Lee früh seinen Bruder. Johnny Cashs Bruder hatte ebenfalls im Teenageralter einen tödlichen Unfall im Sägewerk.


Die Väter von Elvis und Jerry waren kurzzeitig im Gefängnis, so dass beide eine starke Bindung zu ihrer Mutter entwickeln. Die schulischen Leistungen sind beim kleinen Jerry Lee am auffälligsten: In der dritten Klasse bleibt er fast sitzen, weil er rund um die Uhr die 88 Tasten sortierte. Seine Eltern hatten für ihren Sprössling sogar das Haus verpfändet, um ihm ein Klavier zu kaufen.

Während Elvis nach der Schule als Platzanweiser im Kino jobbt und sich später als LKW-Fahrer verdingt, versucht sich Johnny Cash als Verkäufer für Kühlschränke. Als bei Jerry Lee der zweifelhafte Erfolg beim Verkauf von Nähmaschinen auffliegt, predigt er mit Feuereifer an der Bibelschule Southwestern in Waxahatchie, Texas. Seine lebhafte Boogieversion von My God is real im Stil der schwarzen Bluespianisten aus Haneys Big House führt jedoch zur unehrenhaften Entlassung und Beendigung seiner Priesterausbildung. Ebenso wächst das Interesse an Musik bei Elvis und Johnny Cash, der seine erste Gitarre in Deutschland kaufte.


In jeder freien Minute lauschen die Drei dem Radio. Dabei wandern sie mit einer Drehbewegung am Suchknopf des Radios zur Grand Ol’ Opry, den Funkwellen der Countrymusik – u.a. mit der Carter Family – oder immer wieder auch zu den schwarzen Rhythm & Blues-Sendern. Da kommt der Slogan und die Offerte eines kleinen Blueslabels aus Memphis, Tennessee, wie gerufen: „We record anything, anywhere, anytime.“ Der Lastwagenfahrer Elvis sieht dort seine Chance, der Armut zu entkommen.

They called us Rockabillies

Vom King of Rockabilly zum King of Country: Im selben Geburtsjahr 1932 wie Carl Perkins wuchs zehn Meilen entfernt ein weiterer künftiger Star auf – ein Interpret, der Country und Rockabilly auf seine Weise verband (ganz anders als der Nashville-Sound): Johnny Cash (*26.2.32 – 12.9.2003), the man in black, der Prototyp des harten, kompromisslosen Countryrockers.


Am 3.7.54 beendete Johnny Cash seinen Wehrdienst – nach vier miserablen Jahren, wie er selber sagte. (Ein Tag später wurde Deutschland WM-Sieger mit einem 3:2 gegen Ungarn). Er war in Landsberg stationiert, wo 1951 die letzten Todesurteile gegen Naziverbrecher vollstreckt wurden. Nach seiner Rückkehr in die USA jobbte Johnny Cash als Versicherungsvertreter und Staubsaugerverkäufer; war damit aber nicht sonderlich erfolgreich, da er die meiste Zeit im Auto saß, um Radio zu hören. Knapp vier Wochen nach seinem 23. Geburtstag, am 22.3.55, war es endlich soweit, und Johnny Cash erhielt eine Audienz bei Sam Phillips. Er bettelte förmlich, um vorspielen zu dürfen, und entschuldigte sich bei Sam Phillips für seine ‚einfachen’ Musiker (Luther Perkins und Marshall Grant), die aber für ihren unverwechselbaren Boom-chicka-boom-Rhythmus 1957 als `best new instrumental group’ ausgezeichnet wurden. Am 21.6.55 erschien die erste Single: Hey! Porter/Cry, cry, cry.

Während andere Gitarristen hungrig auf das Solo warten, hatte man bei Luther Perkins den Eindruck, er verschläft es. Der Minimalist: „Was du auf der Gitarre suchst, hab ich schon längst gefunden.“

Mr. Blue suede shoes

Carl Perkins (*9.4.32 – 19.1.98), Pionier des Rockabilly, hört Elvis erstmalig im Radio Juli 1954. Seine spontane Reaktion: „His style is a lot like mine“. Auch seine Frau Valda ist der Meinung: „It sounds like you.“

Im Gegensatz zu Elvis tourte Carl vor seiner Karriere bereits mit seinen beiden Brüdern Clayton (Bass) und Jay durch die Honky Tonks (Kneipen mit Livemusik und Alkoholausschank). Dabei ließ er sich wie Hank Williams die Gage gern in Litern auszahlen. Der Mann aus Jackson spielte für Weiße, ließ sich aber das Gitarrenspiel von Schwarzen zeigen. Sein Stil, Rockabilly, war zugleich die erste Spielart des Country-Rock. Auf der Suche nach einem Aufnahmestudio für ,seine‘ Musik nutzt Carl die Gelegenheit, „The Hillbilly Cat“ nach einem Auftritt anzusprechen. Elvis erzählt ihm vom SUN-Studio, und Carl fährt am 22. Oktober 1954 nach Memphis. Das Resultat: Movie Magg. Sam Phillips will jedoch keine Konkurrenz beim eigenen Label und richtet Carl Perkins stärker zum Country aus. Doch Ende 1955 ist Sam Phillips auf der Suche nach einem Elvis-Nachfolger und glaubt, ihn in Carl Perkins gefunden zu haben…



Nach dem Fortgang von Elvis zum Branchenriesen RCA spielt im Dezember 1955 ein entfesselter Carl Perkins seine dritte Single mit zwei Rockabilly-Titeln ein: Blue suede shoes / Honey don’t. Am 1.1.1956 wird die SUN-Single 234 veröffentlicht und wird nach Rock around the clock zur 2. Hymne des Rock’n’Roll. Die Idee zu diesem Song war entstanden, als Elvis, Johnny Cash und Carl Perkins im Herbst 1955 gemeinsam auf Tour waren und Johnny Cash von seiner Armeezeit in Deutschland erzählte. Cash und Perkins haben gerade ihre erste Single bei SUN veröffentlicht und werden gute Freunde. Schon ein halbes Jahr später führen die drei jungen Südstaatler die Hitparaden an: Carl Perkins mit Blue suede shoes, Elvis mit Heartbreak hotel und Johnny Cash im Juni mit Walk the line. (In den 70igern begleitet Carl Perkins die Johnny Cash-Tourneen als dessen Lead-Gitarrist.)

Im März 1956 sind die blauen Wildlederschuhe bereits an die Spitze aller Charts (Rhythm & Blues-, Country- und Popcharts) gewandert. Die Single verkauft sich 20.000 Mal pro Tag, und im Mai `56 hat das kleine Tonstudio in der Union Avenue 706 den ersten Million-Seller. Elvis singt den Song am 17.3. in der Dorsey Brothers TV-Show – vor Carl Perkins’ Fernsehdebut. Der soll den Song vier Tage später in der Perry Como TV-Show singen, verunglückt auf dem Weg dorthin mit dem Auto. Sam Phillips schenkt Carl nach der Krankenhausentlassung im April einen Fleetwood Cadillac, den dieser bereits vier Monate später (29.8.56) erneut zersägt.

Bei diesem Video erkennt man die Halskrause, die Carl Perkins‘ Bruder Jay (Rhythmusgitarre) noch aufgrund des Autounfalls tragen muss.

I wish I was in Dixie

Wenn man Rock’n’Roll geografisch betrachtet, landet man unweigerlich in den Südstaaten:

New Orleans war die Hauptstadt des Jazz, der Blechbläser.
Nashville wurde Ende der 40er das Country-Mekka; bedingt durch die Grand Ol’ Opry mit der größten Radio-Liveshow der Südstaaten.

Memphis war das Zentrum des Rhythm’n’Blues und wurde Anfang der 50er zur Rock’n’Roll-Hochburg. Und wenn man noch genauer hinschaut, findet man auch die Wiege des Rock’n’Roll…

…in der Union Avenue 706. Das legendäre SUN-Studio, Memphis Tennessee, wurde 1952 von Sam Phillips (*5.1.23 – 30.7.03) gegründet.
Ursprünglich als Memphis recording service gestartet, ebnete dieses kleine Tonstudio mit dem markanten Slapback-Echo dem Rhythm & Blues bzw. dem Rock ’n’ Roll den Weg. 


Sam Phillips, der Inhaber, hatte mehrere schwarze Künstler unter Vertrag und war u.a. Produzent von Ike Turner, Rufus Thomas, B.B. King und Big Joe Turner. Als der schwarze Rhythm & Blues allerdings mit der weißen Countrymusik verschmolz, wurde SUN zu einem wesentlichen Katalysator bei der Entstehung des weißen Rock’n’Roll. Es wurde zum künstlerischen Zentrum einer neuen Form von weißem „Rebel Rock“, den man Rockabilly taufte, eine explosive Mischung aus Blues und Honky Tonk-Country. Im Studio konzentrierte sich Sam Phillips in erster Linie darauf, den richtigen Moment für eine Aufnahme zu erfassen, ohne in den kreativen Prozess direkt einzugreifen. Schließlich ging es nicht darum, eine im technischen Sinne perfekt arrangierte Aufnahme vom Blatt zu spielen, sondern eine möglichst individuelle, spontan entstandene Aufnahme zu kreieren, die durch „perfect imperfection“ (perfekte Unvollkommenheit, Zitat Sam Philipps) vor allem die Emotion eines Songs bestmöglich transportierte. Es war eine wilde Musik, gesungen von weißen Countryboys, mit aggressiver Leidenschaft, die bewiesen, dass auch Hillbillys den Blues mit Beat spielen können.

Der erste Rock’n’Roll-Song

Die USA sind ein großes Land, und obwohl mit Radio und dem stark aufkommenden TV kulturelle Neuheiten von der einen Ecke des Landes in die andere gebracht wurden, gab es zumindest damals noch eigenständige, örtliche Entwicklungen. Eine davon war die von New Orleans, eine andere die von Chicago, weitere die von New York und Los Angeles. Nicht zu vergessen: Memphis in Tennessee, ein Schmelztiegel von schwarzem Rhythm & Blues und weißer Country-Musik. Hier landete unter vielen schwarzen Musikern Ike Turner aus Mississippi, der beim Music Recording Service, dem Vorläufer von SUN-Records, im März 1951 Rocket 88 aufnahm; ein Titel, der unter dem Namen seines Cousins und Sängers Jackie Brenston and his Delta Cats herauskam. Die angegebene Band „Delta Cats“ existierte nur namentlich; es spielten Turners „Kings of Rhythm“! Für den Produzenten Sam Phillips war Rocket 88 der erste Rock’n’Roll-Song, den auch Bill Haley als erste Rock’n’Roll-Coverversion eines schwarzen Rhythm & Blues-Titels in das eigene Rhythmussystem einpasste. Little Richard benutzte später das Piano-Intro unverändert für seinen Hit Good Golly Miss Molly. Der Erfolg der Platte (im Mai No. 1 der R&B-Charts) über das stromlinienförmige Oldsmobile (Steig in meine Rakete und komm nicht zu spät…) veranlasste Sam Phillips, sein eigenes Label zu gründen: SUN-Records.


Doch der wirklich erste Rock’n’Roll-Song wurde noch etwas eher aufgenommen. Ebenso tauchten die Begriffe Rock und Roll schon viele Jahre vorher in schwarzen Rhythm & Blues-Titeln auf: Bereits 1934 erschien ein Lied von einer Jazzgesangsformation (Boswell Sisters) mit genau diesem Titel. Das Radio erwachte in der Frühzeit des Rock’n’Roll zu neuem Leben. Es wurde zum Sprachrohr der neuen Musikwelle. So erlebte der Begriff „Rock’n’Roll“ den Durchbruch durch einen Disc-Jockey aus Cleveland, Ohio: Alan Freed, der Geburtshelfer des Rock‘n‘Roll.


Von Anfang an spielte er Songs von „Race-Labels“. Seine Auswahl an Rhythm & Blues- und Doowop-Platten war Welten entfernt von den Perry Como- und Patti Page-Schmachtfetzen, die sonst auf weißen Sendern liefen. Ab 1955 nutzte Mr. Rock’n’Roll, wie er gern genannt wurde, die Textzeile „Rock, rock, rock everybody, roll, roll, roll everybody“ aus Bill Haleys Rock-a-Beatin-Boogie, als Signet für seine Radio-Sendungen (Freeds Afterschool-Radioshow, Moondog Rock and Roll House Party). Entscheidend für seine Popularität war, dass der DJ die Musik auch live präsentierte. Er war sogar in Rock’n’Roll-Filmen zu sehen, etwa in Außer Rand und Band (Teil 1 + 2). Er brachte einer ganzen Generation von weißen Kids schwarze Musik näher, was ihm gewisse Leute nie verziehen.

Nun zum ersten Lied, das bereits alle Merkmale eines Rock & Roll-Songs aufweist: The fatman aus dem Jahre 1949, ein Selbstbekenntnis des viereckig gebauten Sängers und Pianisten Fats Domino. 

Fats Domino (*27.2.28) nahm seinen größten Hit Blueberry Hill am 27.6.56 in Hollywood auf – einen Titel, der bereits 1940 von Gene Autry (Singin’ cowboy) gesungen wurde und ein großer Hit für Glenn Miller wurde. Fats orientierte sich an der Version von Louis Armstrong.

Nach dem großen Erfolg von Fats Domino, spielte Elvis noch im gleichen Jahr, eine bluesige Version des Titels für seine erste Langspielplatte ein – also auch ein Song der quasi Schwarz und Weiß vereinte. Fats Domino schaffte als R&B-Künstler nahtlos den Übergang zum Rock’n’Roll (ohne seinen Stil im Geringsten zu ändern) und verkaufte bereits bis 1953 über eine Million Platten. Als er im Juli 1955 mit Ain’t that a shame, die Popcharts erreichte, rollte eine regelrechte Welle von schwarzen R&B-Künstlern an, die im Zuge der R’n’R-Explosion die Mainstream-Hitparaden eroberten.

Die Verbundenheit zu seinem Heimatort New Orleans drückte Fats Domino bereits 1959 in dem Song Walkin’ to New Orleans aus, ursprünglich geschrieben von Bobby Charles, dem Songwriter von See you later alligator. Aufgrund des verheerenden Hurrikans‚Katrina’ musste Fats am 29.8.2005 zwangsevakuiert werden.

Rock’n’Roll wird gefährlich

Boogie-Woogie ist ein Solo-Klavierstil; der mit den rollenden Bässen der linken Hand (pumpin’ piano) den Rhythmus bestimmt. Dabei ist das Tempo im Vergleich zum Blues erheblich höher und erfordert einige technische Fähigkeiten. Mit diesen Fähigkeiten ausgestattet, spielt Jerry Lee Lewis eifrig Song um Song im SUN Studio Memphis/Tennessee ein. Und auch Jack Clement, der neue Produzent, ist vom Potenzial des egozentrischen Klavierspielers überzeugt. Er schreibt ihm sogar einen Titel: It’ll be me, die A-Seite für seine zweite Single. Doch ein anderer, live-erprobter Titel wird zum Renner. Schon die ersten 
Sekunden deuten an, mit welcher Wucht dieses Lied einschlagen wird. Allerdings wird der Song von einigen Radiostationen boykottiert, weil er zu sexistisch ist: Shake, baby, shake! Dennoch darf Jerry Lee seinen Shakin’-Song im Fernsehen vorstellen. Am 28.7.57 ist es soweit. In der Steve Allen-Show gerät der 21jährige dermaßen in Ekstase, dass sogar der Klavierhocker über die Bühne getreten wird.


Es ist die schockierendste Rock’n’Roll-Darbietung im Fernsehen seit Elvis’ Debüt in der Ed Sullivan-Show und am nächsten Tag Gesprächsthema im ganzen Land. Jerrys neugeborener Sohn wird auf den Namen des Showmasters Steve Allen Lewis getauft.

Wie ein Jahr zuvor Elvis, hat es nun auch Jerry Lee geschafft. Statt der verbrauchten Rhythmen der Erwachsenenwelt bevorzugt die Jugend den spöttischen Ton und die Lebendigkeit des Rock’n’Roll. Der einst schüchterne Südstaatenbursche Elvis wird 1956 zum Idol der Jugend. Elvis hat in jenem Jahr vier No.-1-Hits und ist elfmal im TV zu sehen (Dorsey Stage-Show, Steve Allen-Show, Milton Berle, Ed Sullivan).

Ende des Jahres kommt der erste Elvis-Film in die Kinos: Love me tender (Pulverdampf und heiße Lieder). Schon vor Anlaufen des Films liegen eine Million Single-Bestellungen vor.

Zornig, verletzlich und widerborstig wie seine Frisur, dazu die Hände lässig in den Hosentaschen und die Zigarette im Mundwinkel – so wurde James Dean zum Prototyp des frechen, verlorenen Teenagers, der gegen die Erwachsenenwelt aufbegehrt. Er veränderte den Lebensstil und das Lebensgefühl einer ganzen Generation, weckte Sehnsüchte nach Befreiung aus Anpassung, Benimm, und Scheinheiligkeit. Keine Frage, James Dean war der größte Rebell der Popkultur, wie Elvis oder Marlon Brando (Der Wilde).

Dabei machte ihn ein Bündel von drei Filmen zum Star, sein plötzlicher Unfalltod zur Legende. Innerhalb von nur 18 Monaten hatte er drei Filme – „Jenseits von Eden“, „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Giganten“ – abgedreht, von denen letztere erst nach Deals Tod am 30. September 1955 Premiere hatten. Studiochef JAck Warner befürchtete schon, dass niemand ins Kino gehen würde, um sich eine Leiche anzusehen. Er irrte gewaltig. Innerhalb weniger Wochen nach der posthumen Uraufführung von „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ entstand ein regelrechter Kult um James Dean, der bis heute anhält.