Das Schicksal nimmt seinen Lauf


Bei seinem TV-Auftritt in der Milton Berle-Show am 5. Juni 1956 gab Elvis erstmals Hound Dog zum Besten. Zur Begeisterung vor allem der jungen Zuschauer macht Elvis während eines langsameren Blues-Teils besonders rhythmische Hüft- und Beinbewegungen. 
Es folgte ein nationaler Aufruhr ungeahnten Ausmaßes in den Medien, die The Pelvis von nun an als „Personifikation der die Teenager Amerikas verderbenden Rock-’n’-Roll-Bewegung“ brandmarkte. Die nächste Fernsehshow, die Elvis Presley buchte, war die erst im Juni 1956 neu gegründete Show von Steve Allen, die sich in direkter Konkurrenz zur Nummer eins unter den Shows – der Show von Ed Sullivan – positionieren wollte. Die Steve Allen-Show, in der im nächsten Jahr Jerry Lee Lewis seinen Durchbruch feiern würde, überstieg mit Elvis erstmals die Einschaltquoten von Ed Sullivan. Folgerichtig war Presleys nächste Station die Ed Sullivan Show, in der er laut Sullivan eigentlich nie hätte auftreten sollen – wäre der Entertainer nicht von Steve Allen bezüglich der Einschaltquoten ausgestochen worden.

Am Tag nach seinem gezähmten TV-Auftritt im Frack bei Steve Allen nimmt Elvis den Song Hound Dog im RCA-Studio auf. Nach 31 (!) Versuchen ist er zufrieden. Für Don’t be cruel reichen dem Perfektionisten 28 Durchläufe. Sein Pensum: Nur fünf Songs an zwei Tagen.

Und auch 1957 beherrscht Elvis die Charts. Es regnet förmlich goldene Schallplatten darunter fünf Nr. 1-Hits in einem Jahr: Too much, All shook up, Teddybear, Jailhouse rock und Loving you.


Das Frühjahr 1958 startet für Jerry Lee mit der ersten Auslandstournee, gemeinsam mit Buddy Holly und dem jungen Paul Anka. Zurück in den Staaten ringt der Pianowüstling mit Chuck Berry während Alan Freeds Big Beat-Tour in 46 Städten um die Krone des Rock’n’Roll, die Elvis im März aufgrund seines Wehrdienstes zurückließ. 
Breathless! Doch Jerry Lees starker Hang zu Eheschließungen führt im Juni zum jähen Absturz seiner kometenhaften Karriere. Die 13Jährige Cousine (dritten Grades) und gleichzeitig dritte Ehefrau wird zu seinem Verhängnis und ein Fall für das englische Innenministerium und zudem ein Schlachtfest für die Schlagzeilenschreiber. Nach nur drei von 37 geplanten Auftritten muss der ‚Kinderräuber’ und ‚Babyschänder’ England verlassen und kommt vom Regen in die Traufe: Auch Amerika wendet sich von ihm ab, und seine Platten werden boykottiert. Bezeichnender Weise beschreibt die Rückseite seiner aktuellen Single High school confidential (Filmtitel: Mit Siebzehn am Abgrund) die vorherrschende Situation und den eigenen Gemütszustand: Fools like me.


Nach Baby, let’s playhouse ist für Elvis die letzte Single auf SUN die erfolgreichste. I forgot to remember to forget ist im August 1955 die erste Nr. 1 der nationalen Billboard-Country-Charts; im Juli 1958 ist dieser Song auch die letzte Single von Johnny Cash für SUN-Records. Jerry Lees Versionen werden erst in den 80igern mit seinen gesamten SUN-Aufnahmen veröffentlicht.


Johnny Cash kann nach dem Wechsel zum Major Label Columbia Records weiterhin Erfolge feiern: I got stripes, Five feet high and rising und Don’t take your guns to town. 1959 ist er erstmalig im Ausland auf Tournee – mit Gene Vincent in Australien. Ein Jahr später stößt der ehemalige Carl Perkins-Schlagzeuger W.S. ‚Fluke’ Holland zur Band – fortan die ‚Tennessee Three’. Labelkollege Carl Perkins kann an seinen großen Erfolg Blue suede shoes nicht mehr anknüpfen und ist ab Mitte der 60er und in den 70er Jahren fester Begleitmusiker bei Johnny Cash.

Elvis lernt kurz vor Ende seiner Armeezeit in Friedberg Priscilla Beaulieu kennen, die 14Jährige Stieftochter eines Captains der Air Force. Zurück in Amerika wird Elvis nach einem sagenhaften Empfang seiner Fans von seinem ehemaligen Widersacher Frank Sinatra zu einem Welcome home TV-Special eingeladen. Ein gezähmter Elvis präsentiert sich. Auch musikalisch deutet sich ein Richtungswechsel an. Seine neuen Hits heißen Fever, Are you lonesome tonight und It’s now or never.

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Die wilden 50er


Während der hüftschwingende Elvis mit schwarz gefärbten Haaren seinen zweiten Kinofilm Loving you (Gold aus heißer Kehle) dreht, touren Jerry Lee, Johnny Cash und Carl Perkins gemeinsam durch den Süden Amerikas. Johnny Cash, der zuvor Elvis’ Auftrittsperformance studierte, parodiert nun Elvis’ ersten Hit Heartbreak Hotel bei den eigenen Shows.

Und auch der Neuling Jerry Lee feilt an seiner Bühnenshow und spielt auf Anraten seiner beiden Mitstreiter das Piano im Stehen. Als in einem unkontrollierten Moment gar der Klavierhocker umfällt und das Publikum die Szene mit Applaus quittiert, weiß Jerry Lee, wie er seine Zuschauer fortan in den Bann ziehen wird. Aufgekratzt von den Konzerten, geht das wilde, ausgelassene Tourleben in den Hotels weiter: Die Zimmer werden mit Stroh ausgelegt und mit gackernden Hühnern gefüllt. Das Mobiliar wird eigenwillig ausgetauscht oder gleich mitgenommen. Auf den Hotelgängen finden mitten in der Nacht Schießereien (mit Platzpatronen) statt – zum Leidwesen schlafender Hotelgäste.

Musikalisch gelingt Jerry Lee im Sommer 1957 der große Wurf: Seine zweite Single Whole lotta shakin’ goin’ on verdrängt Elvis’ Teddybear von der Chartspitzenposition, und der exzentrische Mann aus Louisiana mit seinem agressivem Klavierstil wird zur neuen Speerspitze von SUN-Records.

Doch Elvis’ Erfolgsserie reißt nicht ab, und aus dem Erlös drei weiterer Nummer 1-Hits 1957 (All shook up, Jailhouse Rock, Too much) kauft Elvis zum Schutz vor allzu aufdringlichen Fans das Anwesen Graceland vor den Toren der Stadt Memphis für 100.000 $. Johnny Cash besingt sein „Zuhause“ melancholisch – erstmalig mit Klavierbegleitung: Home of the Blues. Gemeint ist sein Lieblingsplattenladen in Memphis. Die erste LP von SUN erscheint: Johnny Cash with his hot & blue guitar. 
Und Jerry Lee zündet Ende des Jahres sein nächstes Höllenfeuer: Great balls of fire! Der Song – ursprünglich von zwei Musikern (Jerry Lee: Piano + vocal und James van Eaton – Schlagzeug) eingespielt – ist gleichzeitig explosiver Höhepunkt des Musikkinofilms Discjockey Jamboree, bei dem auch Carl Perkins seine neue Single vorstellt: Glad all over – mit mäßigem Erfolg. Dieser hatte zuvor den „Fire-Song“ abgelehnt.
Drei ländliche Südstaatenburschen aus ärmlichen Verhältnissen sind jeweils innerhalb eines Jahres wie Phoenix aus der Asche auferstanden und zu neuen Jugendidolen aufgestiegen…

Das Million Dollar Quartett

Drei Tage später, am 4.12.1956 kommt es zum Gipfeltreffen der künftigen Musikgiganten. Bei einer Session im SUN-Studio jammen Elvis, Jerry Lee, Johnny Cash und Carl Perkins munter drauflos – das Million Dollar Quartet ist geboren.

Zu diesem Zeitpunkt hat Elvis bereits fünf Alben bei RCA veröffentlicht und sein Leinwanddebut (Love me Tender) gegeben. Bemerkenswerter Weise ist der jüngste Interpret, der gerade seinen ersten Tonträger herausbrachte, der (vor)lauteste. Von Johnny Cash ist gar nichts zu hören, Carl Perkins beschränkt sich in Anwesenheit von Elvis vornehmlich auf die Gitarrenbegleitung. Nur Jerry Lee, der an diesem Tag als Studiomusiker für Mr. Blue suede shoes am Piano saß, besitzt sogar die Dreistigkeit, den berühmtesten Rock’n’Roll-Repräsentanten vom Klavierstuhl zu verbannen. Die vier Musiker spielen in dieser Jam-Session Stücke aller Genres, darunter eine stattliche Menge Gospel wie Peace in the Valley, Chuck Berrys Brown Eyed Handsome Man bis hin zu Presleys eigenen Titeln Don’t Be Cruel und That’s When Your Heartaches Begin. Sam Phillips lässt das Aufnahmegerät mitlaufen. Nachdem die Bänder über Jahrzehnte verschwunden waren, erscheint die berühmte Jam-Session des „Million Dollar Quartets“ erst 1981 als Langspielplatte und ist heute vollständig auf CD erhältlich.

Auf Elvis’ erstem Album reihen sich viele seiner Lieblingssongs aus den Rhythm & Blues-Charts aneinander – Lieder, die er in seiner Kindheit hörte. Elvis konnte sich wenig Platten kaufen, doch hatte er die Gabe, sich die Texte und Abläufe der Musikstücke schnell zu merken. Presley las keine Noten und spielte rein nach Gehör, wobei er jedes Lied perfektionistisch so häufig wiederholte, bis er sich ganz sicher war, das Gefühl des Songs bestmöglich transportiert zu haben. Dazu trug er den Titel im Studio vor, als würde er vor einem Live-Publikum auftreten. Mit Erfolg: die erste LP Elvis Presley, auf der Songs aus der SUN-Zeit mit den neuen RCA-Aufnahmen kombiniert wurden, erreichte nur wenige Wochen nach Erscheinen die Nummer eins der Billboard-LP-Charts und wurde das erste Millionen-Dollar-Album in der Geschichte RCAs.

Deutschland im Rock’n’Roll-Fieber


Der Rock’n’Roll-Virus erreicht Deutschland:
1954 kann man das Gedudel auf Deutschlands Radiowellen nur im Suff ertragen, nicht umsonst ist Alkohol in den Hitparaden ein beliebtes Thema: „Die Zehn Whiskeys“ sind mit ihrem Hit „Wir, wir, wir haben ein Klavier“ zwei Monate auf Platz 1, im September folgt der „Wodka-Fox“ von Hans-Arno Simon. Na, dann Prost! Nur „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ ist was los, weiß Hans Albers zu berichten. Doch der Soldatensender AFN (American Forces Network) bringt den Rock’n’Roll nach Europa. Und während Freddy Quinn noch sein ‚Heimweh’ besingt, startet Ende 1956 die musikalische Attacke: Rock around the Clock ist die erste ausländische Single, die über eine Million Mal in Deutschland verkauft und mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde. Der Haley-Song kommt im April 1956 in die deutschen Charts und bleibt für vier Wochen die Nummer eins.

Tutti Frutti wird von Elvis-Ersatz Peter Kraus eingedeutscht, und Kanzler Adenauer feiert dazu seinen 82. Ehrentag. Im gleichen Jahr erscheint die erste BRAVO, Zeitschrift für Film und Fernsehen, mit dem Titelbild von Marilyn Monroe. Im Kino laufen derweil die James Dean-Filme: „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Giganten“. Das deutsche Pendant dazu: „Die Halbstarken“ mit Horst Buchholz und Karin Baal. Peter Alexander warnt zwar noch „Wehe, wenn sie losgelassen“ doch da ist es bereits zu spät: Eine hysterische Menschenmasse erwartet den berühmtesten GI am 2.10.58 in Bremerhaven, der seinen Militärdienst in Friedberg absolvieren muss. Kurz darauf kommt es zum Treffen der Rock’n’Roll-Giganten: Während seiner Deutschland-Tour empfängt Bill Haley im Oktober 1958 den GI Elvis Presley in seiner Garderobe in Frankfurt. Das, was Elvis in Amerika mit seiner Musik begann, setzt Bill nun in Deutschland fort: Es kommt immer wieder zu tumultartigen Szenen, in deren Verlauf einige Stuhlreihen zu Bruch gehen. Bereits bei den Konzerten in München, Stuttgart und Hamburg haben jugendliche Fans randaliert und Sachschäden verursacht. In Berlin mündet das Konzert in einer regelrechten Saalschlacht. Schuld war aber auch das Orchester von Kurt Edelhagen und Bill Ramsey, die die sogenannten Halbstarken im Vorprogramm mit Jazz langweilten. Die Bereitschaftspolizei benötigt Stunden, um die randalierenden Jugendlichen aus der Halle zu drängen. Wenig später erhält Bill Haley eine Gastrolle in dem deutschen Film „Hier bin ich, hier bleib ich“ und singt im Duett mit Caterina Valente das Lied „Viva la Rock and Roll“.

They called us Rockabillies

Vom King of Rockabilly zum King of Country: Im selben Geburtsjahr 1932 wie Carl Perkins wuchs zehn Meilen entfernt ein weiterer künftiger Star auf – ein Interpret, der Country und Rockabilly auf seine Weise verband (ganz anders als der Nashville-Sound): Johnny Cash (*26.2.32 – 12.9.2003), the man in black, der Prototyp des harten, kompromisslosen Countryrockers.


Am 3.7.54 beendete Johnny Cash seinen Wehrdienst – nach vier miserablen Jahren, wie er selber sagte. (Ein Tag später wurde Deutschland WM-Sieger mit einem 3:2 gegen Ungarn). Er war in Landsberg stationiert, wo 1951 die letzten Todesurteile gegen Naziverbrecher vollstreckt wurden. Nach seiner Rückkehr in die USA jobbte Johnny Cash als Versicherungsvertreter und Staubsaugerverkäufer; war damit aber nicht sonderlich erfolgreich, da er die meiste Zeit im Auto saß, um Radio zu hören. Knapp vier Wochen nach seinem 23. Geburtstag, am 22.3.55, war es endlich soweit, und Johnny Cash erhielt eine Audienz bei Sam Phillips. Er bettelte förmlich, um vorspielen zu dürfen, und entschuldigte sich bei Sam Phillips für seine ‚einfachen’ Musiker (Luther Perkins und Marshall Grant), die aber für ihren unverwechselbaren Boom-chicka-boom-Rhythmus 1957 als `best new instrumental group’ ausgezeichnet wurden. Am 21.6.55 erschien die erste Single: Hey! Porter/Cry, cry, cry.

Während andere Gitarristen hungrig auf das Solo warten, hatte man bei Luther Perkins den Eindruck, er verschläft es. Der Minimalist: „Was du auf der Gitarre suchst, hab ich schon längst gefunden.“

Die Independent Labels

Größten Anteil am Wachsen des Rock’n’Roll hatten die Independent Record Labels, also die Plattenfirmen, die nicht zu den großen Konzernen wie RCA, Columbia, Capitol, Mercury oder Decca gehörten, z.B. Imperial in Hollywood (Fats Domino, Ricky Nelson), Specialty in Los Angeles (Little Richard, Larry Williams), Atlantic in New York City (Ray Charles), Chess in Chicago (Chuck Berry, Bo Diddley, Muddy Waters).

Die Major Labels agierten sehr vorsichtig. Sie orientierten sich zu sehr an den früheren Erfolgen und wollten diese immer weiter fortschreiben. Doch die Zeiten änderten sich, man konnte den jungen Leuten nicht 15 Jahre lang immer wieder z.B. Perry Como oder Frank Sinatra präsentieren, der ja in seinen früheren Jahren durchaus ein Star für die Teenies in Bobby Socks gewesen war. Erst 1957 interessierten sich auch die großen Major Labels für Rockabilly. Die Independent Labels hatten dagegen das Ohr am Volk, hier vor allem am jungen Volk. Neben den wohl größten Blues-Künstlern Howlin‘ Wolf und Muddy Waters zogen diese kleinen Labels ganz unverwechselbare Stilisten des Rock’n’Roll heran: Chuck Berry und Bo Diddley. (Film: Cadillac records)
Die Chess Brothers, deren jüdische Familie aus Polen gekommen war, schufen in Chicago den Chess-Konzern.


Eine andere Firma aus Los Angeles brachte die wohl heißesten Songs des Rock’n’Roll hervor: Art Rupes SPECIALTY. Wie IMPERIAL orientierte sich dieses Label zum großen Teil an Songs und Sounds aus New Orleans, übrigens nicht nur auf dem Gebiet des Rock’n’Roll, sondern auch im Gospel-Feld. Little Richard, Larry Williams und dessen Cousin Lloyd Price hießen bei dieser Firma die Stars des Rhythm & Blues/Rock’n’Roll. Lloyd Price aus New Orleans schaffte 1952 mit Lawdy Miss Clawdy (später von Elvis gecovert) eine R&B-No. 1. Die größten Verkäufe gelangen Art Rupe bei SPECIALTY allerdings mit dem Wunderwesen aus Macon/Georgia, Little Richard (*5.12.32).

Sein erster großer Hiterfolg sollte auch zu einer Erkennungsmelodie des Rock’n’Roll werden: Tutti Frutti. Ende 1955 erreichte der Urschrei A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-boom Platz 2 der schwarzen Hitparade, in den Pop-Charts allerdings nur auf Platz 21. Allein zwischen 1956 und 1959 war Little Richard 16 Mal in den Top 100 der Pop-Charts vertreten, darunter viermal in den Top 20 (Long tall Sally, Slippin’ and slidin’, Rip it up, Good golly Miss Molly). 
In den Rhythm & Blues- Charts hatte er noch größere Erfolge und die meisten Nr. 1-Platzierungen. Und seine Hits wurden am laufenden Band gecovert, z.B. Tutti frutti von Elvis oder Peter Kraus (1. Single), Long tall Sally von Jerry Lee Lewis und später von Carl Perkins, Rip it up von Bill Haley und Buddy Holly oder Lucille von den Everly Brothers und später von den Beatles.

Ebenso macht sich Pat Boone als weißer, etablierter Künstler das Aufkommen der neuen Musikrichtung zunutze und covert mehrere Titel von Little Richard: Tutti Frutti + Long tall Sally (1956) oder Ain’t that a shame (1955) von Fats Domino. Ende 1956 sind seine weichgespülten Interpretationen für den weißen Markt sogar erfolgreicher als die Originalversionen. Der blitzsaubere Möchtegern-Rock’n‘Roller entschärft mit seinen verwässerten Versionen ursprüngliche Rhythm & Blues-Hits und frühe Rock’n’Roll-Klassiker. DJ Pionier Alan Freed findet diese blassen Kopien so übel, dass er sich strikt weigert, auch nur eine Platte von Pat Boone in seiner Radiosendung zu spielen.


Gleichermaßen covert Elvis auf seinen ersten beiden Platten viele frühe Rhythm & Blues-Titel (Hound dog – Big Mama Thornton 1952, Lawdy Miss Clawdy – Lloyd Price 1952) oder aktuelle Rock’n’Roll-Hits (Shake, rattle & roll, Long tall Sally, Blueberry Hill). Allerdings verhelfen Boone und Presley durch ihre Cover den Originalkünstlern zu größerer Popularität und somit auch zum Durchbruch. Wie kein anderer repräsentiert Little Richard die Schnittstelle zwischen Rock’n’Roll und Rhythm & Blues. War der Rock’n’Roll zu Beginn noch schwarz, wurde er später schwarz/weiß und zum Ende des Rock’n’Roll-Booms fast ausschließlich weiß.


Ein ähnliches Schicksal wie Little Richard ist auch Chuck Berry als schwarzem Künstler beschieden, der im wahrsten Sinne des Wortes ein Lied davon singen kann, dass andere mit seinen Songs viel Geld verdienten. Wie Fats Domino ist auch Chuck Berry weit über die 50er hinaus eine der größten und prägendsten Leitfiguren des Rock’n’Roll. Teenagerhymnen wie Roll over Beethoven, Sweet little sixteen und Johnny B. Goode werden zurecht zu den Standardwerken des Rock gezählt.

Mr. Blue suede shoes

Carl Perkins (*9.4.32 – 19.1.98), Pionier des Rockabilly, hört Elvis erstmalig im Radio Juli 1954. Seine spontane Reaktion: „His style is a lot like mine“. Auch seine Frau Valda ist der Meinung: „It sounds like you.“

Im Gegensatz zu Elvis tourte Carl vor seiner Karriere bereits mit seinen beiden Brüdern Clayton (Bass) und Jay durch die Honky Tonks (Kneipen mit Livemusik und Alkoholausschank). Dabei ließ er sich wie Hank Williams die Gage gern in Litern auszahlen. Der Mann aus Jackson spielte für Weiße, ließ sich aber das Gitarrenspiel von Schwarzen zeigen. Sein Stil, Rockabilly, war zugleich die erste Spielart des Country-Rock. Auf der Suche nach einem Aufnahmestudio für ,seine‘ Musik nutzt Carl die Gelegenheit, „The Hillbilly Cat“ nach einem Auftritt anzusprechen. Elvis erzählt ihm vom SUN-Studio, und Carl fährt am 22. Oktober 1954 nach Memphis. Das Resultat: Movie Magg. Sam Phillips will jedoch keine Konkurrenz beim eigenen Label und richtet Carl Perkins stärker zum Country aus. Doch Ende 1955 ist Sam Phillips auf der Suche nach einem Elvis-Nachfolger und glaubt, ihn in Carl Perkins gefunden zu haben…



Nach dem Fortgang von Elvis zum Branchenriesen RCA spielt im Dezember 1955 ein entfesselter Carl Perkins seine dritte Single mit zwei Rockabilly-Titeln ein: Blue suede shoes / Honey don’t. Am 1.1.1956 wird die SUN-Single 234 veröffentlicht und wird nach Rock around the clock zur 2. Hymne des Rock’n’Roll. Die Idee zu diesem Song war entstanden, als Elvis, Johnny Cash und Carl Perkins im Herbst 1955 gemeinsam auf Tour waren und Johnny Cash von seiner Armeezeit in Deutschland erzählte. Cash und Perkins haben gerade ihre erste Single bei SUN veröffentlicht und werden gute Freunde. Schon ein halbes Jahr später führen die drei jungen Südstaatler die Hitparaden an: Carl Perkins mit Blue suede shoes, Elvis mit Heartbreak hotel und Johnny Cash im Juni mit Walk the line. (In den 70igern begleitet Carl Perkins die Johnny Cash-Tourneen als dessen Lead-Gitarrist.)

Im März 1956 sind die blauen Wildlederschuhe bereits an die Spitze aller Charts (Rhythm & Blues-, Country- und Popcharts) gewandert. Die Single verkauft sich 20.000 Mal pro Tag, und im Mai `56 hat das kleine Tonstudio in der Union Avenue 706 den ersten Million-Seller. Elvis singt den Song am 17.3. in der Dorsey Brothers TV-Show – vor Carl Perkins’ Fernsehdebut. Der soll den Song vier Tage später in der Perry Como TV-Show singen, verunglückt auf dem Weg dorthin mit dem Auto. Sam Phillips schenkt Carl nach der Krankenhausentlassung im April einen Fleetwood Cadillac, den dieser bereits vier Monate später (29.8.56) erneut zersägt.

Bei diesem Video erkennt man die Halskrause, die Carl Perkins‘ Bruder Jay (Rhythmusgitarre) noch aufgrund des Autounfalls tragen muss.

I wish I was in Dixie

Wenn man Rock’n’Roll geografisch betrachtet, landet man unweigerlich in den Südstaaten:

New Orleans war die Hauptstadt des Jazz, der Blechbläser.
Nashville wurde Ende der 40er das Country-Mekka; bedingt durch die Grand Ol’ Opry mit der größten Radio-Liveshow der Südstaaten.

Memphis war das Zentrum des Rhythm’n’Blues und wurde Anfang der 50er zur Rock’n’Roll-Hochburg. Und wenn man noch genauer hinschaut, findet man auch die Wiege des Rock’n’Roll…

…in der Union Avenue 706. Das legendäre SUN-Studio, Memphis Tennessee, wurde 1952 von Sam Phillips (*5.1.23 – 30.7.03) gegründet.
Ursprünglich als Memphis recording service gestartet, ebnete dieses kleine Tonstudio mit dem markanten Slapback-Echo dem Rhythm & Blues bzw. dem Rock ’n’ Roll den Weg. 


Sam Phillips, der Inhaber, hatte mehrere schwarze Künstler unter Vertrag und war u.a. Produzent von Ike Turner, Rufus Thomas, B.B. King und Big Joe Turner. Als der schwarze Rhythm & Blues allerdings mit der weißen Countrymusik verschmolz, wurde SUN zu einem wesentlichen Katalysator bei der Entstehung des weißen Rock’n’Roll. Es wurde zum künstlerischen Zentrum einer neuen Form von weißem „Rebel Rock“, den man Rockabilly taufte, eine explosive Mischung aus Blues und Honky Tonk-Country. Im Studio konzentrierte sich Sam Phillips in erster Linie darauf, den richtigen Moment für eine Aufnahme zu erfassen, ohne in den kreativen Prozess direkt einzugreifen. Schließlich ging es nicht darum, eine im technischen Sinne perfekt arrangierte Aufnahme vom Blatt zu spielen, sondern eine möglichst individuelle, spontan entstandene Aufnahme zu kreieren, die durch „perfect imperfection“ (perfekte Unvollkommenheit, Zitat Sam Philipps) vor allem die Emotion eines Songs bestmöglich transportierte. Es war eine wilde Musik, gesungen von weißen Countryboys, mit aggressiver Leidenschaft, die bewiesen, dass auch Hillbillys den Blues mit Beat spielen können.

Shake, rattle & roll

Die Blüte, die wilde Zeit des Rock’n’Roll war von 1956 – 1958. Die neue Musikrichtung „explodiert“ regelrecht, und landesweit wächst die Zahl der Künstler, denen althergebrachter Country zu zahm erscheint. Deshalb vermischen sie ihn immer stärker mit den schwarzen Elementen des Rhythm & Blues.

Auch textlich lässt diese Schar junger, frischer Musiker die üblichen heile-Welt-Themen außen vor. Es dreht sich fortan alles um ungezügelten, hemmungslosen Spaß am Leben und – der Skandal! – auch um den außerehelichen Sex. Nach und nach ersetzen die ersten Rock’n’Roll-Hits die alten Pop-Standards, und dank der von Wurlitzer erfundenen Jukebox hört man den Rock’n’Roll überall dort, wo Jugendliche sind.

Bill Haley 1stLP

Bill Haley 1stLP

Der erste Superstar der neuen 
Musik ist Bill Haley. Zwei Monate nach Rock around the clock nimmt er im Juni 1954 einen aktuellen Rhythm & Blues-Titel auf: Shake, rattle & roll, der noch vor Rock around the clock zum Top 10-Hit (No. 7) wird. Erst ein Jahr später überflügelt Rock around the clock begünstigt durch den Kinostreifen Blackboard Jungle die Cover-Version des Big Joe Turner-Titels. Bill Haley ist der erste Künstler, der Lieder von schwarzen Jump Blues-Künstlern wie Ike Turner, Louis Jordan oder Big Joe Turner interpretiert und in ein eigenes Rhythmussystem (Backbeat) einpasst. Das Piano in der Ursprungsversion vom Februar 1954 spielte für den Rhythm & Blues-Shouter Big Joe Turner (*18.5.11 – 23.11.85) ein noch unbekannter Fats Domino.

Bill Haley entschärft den R & B-Hit textlich, und schon gelangt das Lied im selben Jahr ein weiteres Mal in die Charts:

Big Joe: “Get out of that bed and wash your face and hands“
Korrektur Bill: “Get out of that kitchen and rattle those pots & pans”
Big Joe: „wearin’low dresses, sun comes shinin’ through“
Korrektur Bill: „wear those dresses, your hair done up so nice“
Big Joe: “I believe to the soul you’re the devil in nylon hose”
Korrektur Bill: “I believe you’re doin’ me wrong and now I know”


Aufgrund des Erfolges nimmt der „Boss des Blues“ Big Joe Turner am 19.2.55 den stilistisch ähnlichen Titel Flip, flop & fly auf, der von Elvis bei seinem erstem Fernsehauftritt am 28.1.56 in der Dorsey Stage-Show mit Shake, rattle & roll im Medley gesungen wird. Zum Entsetzen der älteren Generation singt der hüftschwingende Elvis die zweideutige Originalstrophe: „I got so many women, I don’t know which way to jump.“1957 gehen Big Joe und Bill Haley gemeinsam auf Australien-Tournee, in eben jenem Jahr, in dem in Amerika die strikte Rassentrennung aufgeweicht wird (seperate but equal-doctrine). Der Kampf gegen die Lynchjustiz verschärft sich.

Bill Haley landet 1955 noch drei weitere und damit insgesamt sechs Hits in den Billboard-Charts, gefolgt von einem Bestselleralbum Ende des Jahres und weiteren fünf Hits im Jahr 1956. 
Shake, rattle & roll gelangt Anfang der 70er erneut in die britischen Charts.

Wie kam der Rock zum Roll?

1954
Der Rock’n’Roll gibt ein lärmendes Debüt: Shake, rattle & roll ist der erste nationale Rock’n’Roll-Hit für Bill Haley & his Comets. Kurz zuvor erscheint Rock around the clock, wobei dieser Song seinen kometenhaften Aufstieg erst 1955 erlebt. Im Sommer nimmt Elvis seine 1. Single auf.

1955
Chuck Berry (Maybellene), Little Richard (Tutti frutti), Carl Perkins (Turn around) und Johnny Cash (Cry, cry, cry) bringen ihre ersten Singles heraus. Neben der Musik erscheinen auch die ersten Filme für/über Jugendliche: „Saat der Gewalt“ und „Außer Rand und Band“ oder „Denn sie wissen nicht, was sie tun…“.

1956
Elvis explodiert und löst eine Massenhysterie aus. Neue Rock’n’Roller und Songs schießen wie Pilze aus der Erde: Carl Perkins – Blue suede shoes, Roy Orbison – Ooby dooby, Gene Vincent – Be bop a lula, Bill Haley – Rip it up, Johnny Cash – Get rhthym, Webb Pierce – Teenage boogie, Eddie Cochran – 20 flight rock, Fats Domino – Blueberry Hill, Little Richard – Ready teddy. Zeitgleich formiert sich die Gegnerschaft. Bill Haley versucht im nächsten Film zu schlichten: Don’t knock the rock.

Und die neue Musikrichtung schwappt auch nach Deutschland über: der erste Hit von Peter Kraus heißt Tutti Frutti. Der 80-jährige Kanzler Adenauer ist entsetzt.

1957
Rock’n’Roll wird zur Flutwelle und ist überall in den Charts vertreten. Jerry Lee Lewis, Buddy Holly, die Everly Brothers, Ricky Nelson, Bob Luman, Big Bopper, Conway Twitty, Wanda Jackson, Brenda Lee …
Die Jukeboxes füllen sich mit Titeln wie I‘m walkin‘, Lucille, At the hop, Boni Maronie, Oh boy, Not fade away, Reelin‘ and rockin‘, Big river, C.C. Rider, Stood up, Black slacks…