The day the music died


Weitere Köpfe des Rock’n’Roll ereilt das Schicksal: Am 3.2.59 verunglücken Buddy Holly, Ritchie Valens und der Big Bopper – fünf Minuten vor der Landung – bei einem Flugzeugabsturz (the day, the music died); Der King ist einkaserniert in Deutschland, Jerry Lee wird nach dem Englandskandal um seine 13jährige Ehefrau von den Radiostationen boykottiert.


 Chuck Berry wird zu drei Jahren Haft verurteilt, weil er angeblich eine Minderjährige aus Mexiko nach Amerika geschmuggelt habe.


Der bei der Jugend beliebte DJ Alan Freed wird zum Stellvertreter-Sündenbock und muss sich gar wegen eines Payola-Prozesses verantworten – ein Schauprozess gegen den Rock’n’Roll. Bereits seit den 1920er Jahren wurde mit kleinen Geschenken erreicht, dass bestimmte Lieder im Rundfunk stärker berücksichtigt worden. Um die zahlungskräftigen Teenager zu beeinflussen, erreichte der Vorgang „pay for play“ in den 50ern neue Dimensionen und förderte gleichzeitig neue Künstler (die Bobby-Rocker) zutage, die durch ihren gemäßigten Stil größere Käuferschichten erreichten.


Die Folge: der Rock’n’Roll zeigt sich von der schmusigen Seite. Aus den Wilden werden die Milden. Die ältere Generation atmet wieder auf. Die Zeit des harten, unberechenbaren, gefährlichen Rock’n’Roll ist vorbei.

Die Blütezeit des Rock’n’Roll ist Ende 1958 beendet. Zu diesem Zeitpunkt sind auch die meisten farbigen Künstler vorübergehend zum Twist oder bereits zum frühen Soul gewechselt. Erste Anzeichen dazu findet man bei Ray Charles, dessen What’d I say im Jahr 1959 Platz 6 der Pop-Charts erreicht. In den ab 1958 erscheinenden Billboard Hot 100, die aus den bestverkauften Singles und den meist gespielten Radiosongs bestehen, wird das Lied ebenfalls notiert. Jerry Lee Lewis nimmt den Song auch auf und erreicht immerhin bei Pop Platz 30 und in den Country & Western-Charts Platz 26.

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Die Independent Labels

Größten Anteil am Wachsen des Rock’n’Roll hatten die Independent Record Labels, also die Plattenfirmen, die nicht zu den großen Konzernen wie RCA, Columbia, Capitol, Mercury oder Decca gehörten, z.B. Imperial in Hollywood (Fats Domino, Ricky Nelson), Specialty in Los Angeles (Little Richard, Larry Williams), Atlantic in New York City (Ray Charles), Chess in Chicago (Chuck Berry, Bo Diddley, Muddy Waters).

Die Major Labels agierten sehr vorsichtig. Sie orientierten sich zu sehr an den früheren Erfolgen und wollten diese immer weiter fortschreiben. Doch die Zeiten änderten sich, man konnte den jungen Leuten nicht 15 Jahre lang immer wieder z.B. Perry Como oder Frank Sinatra präsentieren, der ja in seinen früheren Jahren durchaus ein Star für die Teenies in Bobby Socks gewesen war. Erst 1957 interessierten sich auch die großen Major Labels für Rockabilly. Die Independent Labels hatten dagegen das Ohr am Volk, hier vor allem am jungen Volk. Neben den wohl größten Blues-Künstlern Howlin‘ Wolf und Muddy Waters zogen diese kleinen Labels ganz unverwechselbare Stilisten des Rock’n’Roll heran: Chuck Berry und Bo Diddley. (Film: Cadillac records)
Die Chess Brothers, deren jüdische Familie aus Polen gekommen war, schufen in Chicago den Chess-Konzern.


Eine andere Firma aus Los Angeles brachte die wohl heißesten Songs des Rock’n’Roll hervor: Art Rupes SPECIALTY. Wie IMPERIAL orientierte sich dieses Label zum großen Teil an Songs und Sounds aus New Orleans, übrigens nicht nur auf dem Gebiet des Rock’n’Roll, sondern auch im Gospel-Feld. Little Richard, Larry Williams und dessen Cousin Lloyd Price hießen bei dieser Firma die Stars des Rhythm & Blues/Rock’n’Roll. Lloyd Price aus New Orleans schaffte 1952 mit Lawdy Miss Clawdy (später von Elvis gecovert) eine R&B-No. 1. Die größten Verkäufe gelangen Art Rupe bei SPECIALTY allerdings mit dem Wunderwesen aus Macon/Georgia, Little Richard (*5.12.32).

Sein erster großer Hiterfolg sollte auch zu einer Erkennungsmelodie des Rock’n’Roll werden: Tutti Frutti. Ende 1955 erreichte der Urschrei A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-boom Platz 2 der schwarzen Hitparade, in den Pop-Charts allerdings nur auf Platz 21. Allein zwischen 1956 und 1959 war Little Richard 16 Mal in den Top 100 der Pop-Charts vertreten, darunter viermal in den Top 20 (Long tall Sally, Slippin’ and slidin’, Rip it up, Good golly Miss Molly). 
In den Rhythm & Blues- Charts hatte er noch größere Erfolge und die meisten Nr. 1-Platzierungen. Und seine Hits wurden am laufenden Band gecovert, z.B. Tutti frutti von Elvis oder Peter Kraus (1. Single), Long tall Sally von Jerry Lee Lewis und später von Carl Perkins, Rip it up von Bill Haley und Buddy Holly oder Lucille von den Everly Brothers und später von den Beatles.

Ebenso macht sich Pat Boone als weißer, etablierter Künstler das Aufkommen der neuen Musikrichtung zunutze und covert mehrere Titel von Little Richard: Tutti Frutti + Long tall Sally (1956) oder Ain’t that a shame (1955) von Fats Domino. Ende 1956 sind seine weichgespülten Interpretationen für den weißen Markt sogar erfolgreicher als die Originalversionen. Der blitzsaubere Möchtegern-Rock’n‘Roller entschärft mit seinen verwässerten Versionen ursprüngliche Rhythm & Blues-Hits und frühe Rock’n’Roll-Klassiker. DJ Pionier Alan Freed findet diese blassen Kopien so übel, dass er sich strikt weigert, auch nur eine Platte von Pat Boone in seiner Radiosendung zu spielen.


Gleichermaßen covert Elvis auf seinen ersten beiden Platten viele frühe Rhythm & Blues-Titel (Hound dog – Big Mama Thornton 1952, Lawdy Miss Clawdy – Lloyd Price 1952) oder aktuelle Rock’n’Roll-Hits (Shake, rattle & roll, Long tall Sally, Blueberry Hill). Allerdings verhelfen Boone und Presley durch ihre Cover den Originalkünstlern zu größerer Popularität und somit auch zum Durchbruch. Wie kein anderer repräsentiert Little Richard die Schnittstelle zwischen Rock’n’Roll und Rhythm & Blues. War der Rock’n’Roll zu Beginn noch schwarz, wurde er später schwarz/weiß und zum Ende des Rock’n’Roll-Booms fast ausschließlich weiß.


Ein ähnliches Schicksal wie Little Richard ist auch Chuck Berry als schwarzem Künstler beschieden, der im wahrsten Sinne des Wortes ein Lied davon singen kann, dass andere mit seinen Songs viel Geld verdienten. Wie Fats Domino ist auch Chuck Berry weit über die 50er hinaus eine der größten und prägendsten Leitfiguren des Rock’n’Roll. Teenagerhymnen wie Roll over Beethoven, Sweet little sixteen und Johnny B. Goode werden zurecht zu den Standardwerken des Rock gezählt.

Der erste Rock’n’Roll-Song

Die USA sind ein großes Land, und obwohl mit Radio und dem stark aufkommenden TV kulturelle Neuheiten von der einen Ecke des Landes in die andere gebracht wurden, gab es zumindest damals noch eigenständige, örtliche Entwicklungen. Eine davon war die von New Orleans, eine andere die von Chicago, weitere die von New York und Los Angeles. Nicht zu vergessen: Memphis in Tennessee, ein Schmelztiegel von schwarzem Rhythm & Blues und weißer Country-Musik. Hier landete unter vielen schwarzen Musikern Ike Turner aus Mississippi, der beim Music Recording Service, dem Vorläufer von SUN-Records, im März 1951 Rocket 88 aufnahm; ein Titel, der unter dem Namen seines Cousins und Sängers Jackie Brenston and his Delta Cats herauskam. Die angegebene Band „Delta Cats“ existierte nur namentlich; es spielten Turners „Kings of Rhythm“! Für den Produzenten Sam Phillips war Rocket 88 der erste Rock’n’Roll-Song, den auch Bill Haley als erste Rock’n’Roll-Coverversion eines schwarzen Rhythm & Blues-Titels in das eigene Rhythmussystem einpasste. Little Richard benutzte später das Piano-Intro unverändert für seinen Hit Good Golly Miss Molly. Der Erfolg der Platte (im Mai No. 1 der R&B-Charts) über das stromlinienförmige Oldsmobile (Steig in meine Rakete und komm nicht zu spät…) veranlasste Sam Phillips, sein eigenes Label zu gründen: SUN-Records.


Doch der wirklich erste Rock’n’Roll-Song wurde noch etwas eher aufgenommen. Ebenso tauchten die Begriffe Rock und Roll schon viele Jahre vorher in schwarzen Rhythm & Blues-Titeln auf: Bereits 1934 erschien ein Lied von einer Jazzgesangsformation (Boswell Sisters) mit genau diesem Titel. Das Radio erwachte in der Frühzeit des Rock’n’Roll zu neuem Leben. Es wurde zum Sprachrohr der neuen Musikwelle. So erlebte der Begriff „Rock’n’Roll“ den Durchbruch durch einen Disc-Jockey aus Cleveland, Ohio: Alan Freed, der Geburtshelfer des Rock‘n‘Roll.


Von Anfang an spielte er Songs von „Race-Labels“. Seine Auswahl an Rhythm & Blues- und Doowop-Platten war Welten entfernt von den Perry Como- und Patti Page-Schmachtfetzen, die sonst auf weißen Sendern liefen. Ab 1955 nutzte Mr. Rock’n’Roll, wie er gern genannt wurde, die Textzeile „Rock, rock, rock everybody, roll, roll, roll everybody“ aus Bill Haleys Rock-a-Beatin-Boogie, als Signet für seine Radio-Sendungen (Freeds Afterschool-Radioshow, Moondog Rock and Roll House Party). Entscheidend für seine Popularität war, dass der DJ die Musik auch live präsentierte. Er war sogar in Rock’n’Roll-Filmen zu sehen, etwa in Außer Rand und Band (Teil 1 + 2). Er brachte einer ganzen Generation von weißen Kids schwarze Musik näher, was ihm gewisse Leute nie verziehen.

Nun zum ersten Lied, das bereits alle Merkmale eines Rock & Roll-Songs aufweist: The fatman aus dem Jahre 1949, ein Selbstbekenntnis des viereckig gebauten Sängers und Pianisten Fats Domino. 

Fats Domino (*27.2.28) nahm seinen größten Hit Blueberry Hill am 27.6.56 in Hollywood auf – einen Titel, der bereits 1940 von Gene Autry (Singin’ cowboy) gesungen wurde und ein großer Hit für Glenn Miller wurde. Fats orientierte sich an der Version von Louis Armstrong.

Nach dem großen Erfolg von Fats Domino, spielte Elvis noch im gleichen Jahr, eine bluesige Version des Titels für seine erste Langspielplatte ein – also auch ein Song der quasi Schwarz und Weiß vereinte. Fats Domino schaffte als R&B-Künstler nahtlos den Übergang zum Rock’n’Roll (ohne seinen Stil im Geringsten zu ändern) und verkaufte bereits bis 1953 über eine Million Platten. Als er im Juli 1955 mit Ain’t that a shame, die Popcharts erreichte, rollte eine regelrechte Welle von schwarzen R&B-Künstlern an, die im Zuge der R’n’R-Explosion die Mainstream-Hitparaden eroberten.

Die Verbundenheit zu seinem Heimatort New Orleans drückte Fats Domino bereits 1959 in dem Song Walkin’ to New Orleans aus, ursprünglich geschrieben von Bobby Charles, dem Songwriter von See you later alligator. Aufgrund des verheerenden Hurrikans‚Katrina’ musste Fats am 29.8.2005 zwangsevakuiert werden.

Außer Rand und Band

War der Rock’n’Roll zu Beginn noch schwarz, wurde er nun schwarz/weiß, zum Ende des Rock’n’Roll-Booms fast ausschließlich weiß. Wichtig für die langsame, aber stetige Entwicklung des Rock’n’Roll waren Radio-Disc-Jockeys wie Dewey Phillips in Memphis (WHBQ) und Alan Freed in Cleveland, Ohio (WJW).

Diese Disc-Jockeys erweisen sich als erfrischend, direkt und hervorragend geeignet, junge Menschen, schwarz oder weiß, anzusprechen. Alan Freed geht sogar noch einen Schritt weiter und präsentiert die Musik live – mit schwarzen Interpreten, zu denen – oh Graus – mehr weiße als schwarze Besucher kommen, darunter viele künftige Künstler, die später die R&B-Songs erneut zu Hits führen. Ab 1956 dreht der beliebte DJ sogar Rock’n’Roll-Filme wie „Außer Rand und Band“ (Teil 1 und 2) oder „Mr. Rock’n’Roll“. Das weiße Establishment schaut argwöhnisch darauf, dass immer mehr weiße junge Leute der schwarzen Musik folgen, denn jedes Aufweichen der Rassenschranken scheint ihm gefährlich. Die Radiostationen haben Anfang der 50er fast ausschließlich weiße Besitzer, die sich aber um Rassenschranken und Politik wenig scheren. Ihnen kommt es vor allem darauf an, Werbezeit zu verkaufen. Und mit der steigenden Kaufkraft der Teenager und dem Vordringen der schwarzen Musik, mal Rhythm & Blues genannt, mal Rock’n’Roll, wäre es dumm, auf dieses Publikum zu verzichten. Es gibt den Spruch „Grün schlägt weiß“. Das bedeutet, dass der Dollar, dessen Banknoten ja grün sind, sich um die Rassenfrage nicht kümmert.

Wie kam der Rock zum Roll?

1954
Der Rock’n’Roll gibt ein lärmendes Debüt: Shake, rattle & roll ist der erste nationale Rock’n’Roll-Hit für Bill Haley & his Comets. Kurz zuvor erscheint Rock around the clock, wobei dieser Song seinen kometenhaften Aufstieg erst 1955 erlebt. Im Sommer nimmt Elvis seine 1. Single auf.

1955
Chuck Berry (Maybellene), Little Richard (Tutti frutti), Carl Perkins (Turn around) und Johnny Cash (Cry, cry, cry) bringen ihre ersten Singles heraus. Neben der Musik erscheinen auch die ersten Filme für/über Jugendliche: „Saat der Gewalt“ und „Außer Rand und Band“ oder „Denn sie wissen nicht, was sie tun…“.

1956
Elvis explodiert und löst eine Massenhysterie aus. Neue Rock’n’Roller und Songs schießen wie Pilze aus der Erde: Carl Perkins – Blue suede shoes, Roy Orbison – Ooby dooby, Gene Vincent – Be bop a lula, Bill Haley – Rip it up, Johnny Cash – Get rhthym, Webb Pierce – Teenage boogie, Eddie Cochran – 20 flight rock, Fats Domino – Blueberry Hill, Little Richard – Ready teddy. Zeitgleich formiert sich die Gegnerschaft. Bill Haley versucht im nächsten Film zu schlichten: Don’t knock the rock.

Und die neue Musikrichtung schwappt auch nach Deutschland über: der erste Hit von Peter Kraus heißt Tutti Frutti. Der 80-jährige Kanzler Adenauer ist entsetzt.

1957
Rock’n’Roll wird zur Flutwelle und ist überall in den Charts vertreten. Jerry Lee Lewis, Buddy Holly, die Everly Brothers, Ricky Nelson, Bob Luman, Big Bopper, Conway Twitty, Wanda Jackson, Brenda Lee …
Die Jukeboxes füllen sich mit Titeln wie I‘m walkin‘, Lucille, At the hop, Boni Maronie, Oh boy, Not fade away, Reelin‘ and rockin‘, Big river, C.C. Rider, Stood up, Black slacks…

Elvis, Jerry Lee & Johnny Cash

Am 26.2.32 erblickte J. R. Cash in Kingsland, Arkansas, als Erster das Licht der Welt. Knapp drei Jahre später, am achten Tag des Jahres 1935, gebar Gladys Presley in Tupelo, Mississippi, Zwillinge, von denen Elvis Aaron überlebte. „Mit den Füßen zuerst“ folgte Jerry Lee Lewis am 29. September des gleichen Jahres. Diese drei jungen Burschen aus den Südstaaten sollten den amerikanischen Traum leben und die Musikwelt revolutionieren…

Hier erscheint in ab März 2013 die Geschichte über die drei großen Legenden der Musikgeschichte.

Die Blütezeit des Rock’n’Roll

Die Blüte, die wilde Zeit des Rock’n’Roll war von 1956 – 1958. Die neue Musikrichtung „explodiert“ regelrecht, und landesweit wächst die Zahl der Künstler, denen althergebrachter Country zu zahm erscheint. Deshalb vermischen sie ihn immer stärker mit den schwarzen Elementen des Rhythm & Blues.