Das Million Dollar Quartett

Drei Tage später, am 4.12.1956 kommt es zum Gipfeltreffen der künftigen Musikgiganten. Bei einer Session im SUN-Studio jammen Elvis, Jerry Lee, Johnny Cash und Carl Perkins munter drauflos – das Million Dollar Quartet ist geboren.

Zu diesem Zeitpunkt hat Elvis bereits fünf Alben bei RCA veröffentlicht und sein Leinwanddebut (Love me Tender) gegeben. Bemerkenswerter Weise ist der jüngste Interpret, der gerade seinen ersten Tonträger herausbrachte, der (vor)lauteste. Von Johnny Cash ist gar nichts zu hören, Carl Perkins beschränkt sich in Anwesenheit von Elvis vornehmlich auf die Gitarrenbegleitung. Nur Jerry Lee, der an diesem Tag als Studiomusiker für Mr. Blue suede shoes am Piano saß, besitzt sogar die Dreistigkeit, den berühmtesten Rock’n’Roll-Repräsentanten vom Klavierstuhl zu verbannen. Die vier Musiker spielen in dieser Jam-Session Stücke aller Genres, darunter eine stattliche Menge Gospel wie Peace in the Valley, Chuck Berrys Brown Eyed Handsome Man bis hin zu Presleys eigenen Titeln Don’t Be Cruel und That’s When Your Heartaches Begin. Sam Phillips lässt das Aufnahmegerät mitlaufen. Nachdem die Bänder über Jahrzehnte verschwunden waren, erscheint die berühmte Jam-Session des „Million Dollar Quartets“ erst 1981 als Langspielplatte und ist heute vollständig auf CD erhältlich.

Auf Elvis’ erstem Album reihen sich viele seiner Lieblingssongs aus den Rhythm & Blues-Charts aneinander – Lieder, die er in seiner Kindheit hörte. Elvis konnte sich wenig Platten kaufen, doch hatte er die Gabe, sich die Texte und Abläufe der Musikstücke schnell zu merken. Presley las keine Noten und spielte rein nach Gehör, wobei er jedes Lied perfektionistisch so häufig wiederholte, bis er sich ganz sicher war, das Gefühl des Songs bestmöglich transportiert zu haben. Dazu trug er den Titel im Studio vor, als würde er vor einem Live-Publikum auftreten. Mit Erfolg: die erste LP Elvis Presley, auf der Songs aus der SUN-Zeit mit den neuen RCA-Aufnahmen kombiniert wurden, erreichte nur wenige Wochen nach Erscheinen die Nummer eins der Billboard-LP-Charts und wurde das erste Millionen-Dollar-Album in der Geschichte RCAs.

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Die ersten Aufnahmen

Am 5.7.54 spielt der als ‚guter Balladensänger’ vermerkte 19Jährige mit zwei weiteren Musikern, Scotty Moore an der Lead-Gitarre und Bill Black am Kontrabass, im SUN-Studio seine erste Single ein. Der bekannte Memphis-DJ Dewey Phillips ist es, der den ersten Rockabilly-Titel der Geschichte in seiner Radiosendung auf WHBQ spielt, noch bevor sie als Single erschienen ist. Und That’s all right löst eine Flutwelle von Telefonanrufen im Sender aus. Der Zündfunke für den Rock’n’Roll ist entfacht. Wer ist dieser Sänger, der klingt wie ein Schwarzer? Der bekannte Country-Künstler Marty Robbins, bei dem das junge Talent im August `54 im Vorprogramm auftritt, führt eine an Elvis’ Aufnahme orientierte Version Anfang 1955 sogar in die Top 10 der Charts.

Die Rückseite Blue moon of Kentucky veranlasst den Originalinterpreten Bill Monroe sogar, seinen Titel – diesmal in einer wesentlich schnelleren Version – erneut einzuspielen.


Elvis, die singende Sensation, wird zum Idol der Memphis-Jugend.
Derweil tingelt Jerry Lee durch die Kneipen und sammelt als Pianist und Schlagzeuger erste Live-Erfahrung. Kurz nach Erscheinen Elvis’ erster Single erlebt Johnny Cash, zurück von der Air Force, das ‚Stadtgespräch’ auf dem Lastwagen, was ihn veranlasst, die Instrumentierung in der eigenen Westerngitarren-Band anzupassen. Fortan spielt Marshall Grant auf dem Kontrabass, und Luther Perkins übernimmt mit seinen rudimentären Kenntnissen die Lead-Gitarre. Auf Anraten von Scotty Moore versucht Johnny Cash auch bei SUN-Records in Memphis sein Glück. Seine Beharrlichkeit führt endlich zum Erfolg, und er erhält eine Audienz bei Sam Phillips. 



Der fordert Cash auf, seine Band mitzubringen. Trotz der Bedenken von Johnny Cash ist beim nächsten Stelldichein nach 35(!) Versuchen die A-Seite der ersten Single eingespielt: Hey, Porter!, zu einem eigen verfassten Gedicht aus Cashs Armeezeit in Landsberg. Das Resultat: Der urtypische Boom-chicka-boom-Sound mit dem perkussiven Schnarren der Rhythmusgitarre – nicht erarbeitet, sondern das Einzige, was sie konnten -, avanciert zum musikalischen Markenzeichen des ungewöhnlichen Country-Interpreten und findet überregional Beachtung.

Schon kurz darauf sind Johnny Cash und Elvis,“The Hillbilly Cat“ gemeinsam mit Carl Perkins, einem weiteren jungen Gitarristen aus dem SUN-Stall, und Wanda Jackson im Sommer 1955 auf Tour. Bei den zusätzlichen Wochenend-Auftritten für das Louisiana Hayride, eine innovative Live-Radioshow, lernt Elvis, seinen künftigen Schlagzeuger DJ Fontana kennen. Colonel Parker erkennt sofort das Potenzial des „King of Western Bop“ und ist beeindruckt von den kreischenden Reaktionen, die Elvis durch seine körperbetonten Bühnenauftritte bei den vornehmlich weiblichen Fans hervorruft. Als neuer persönlicher Manager fädelt er einen Plattenvertrag mit dem Branchenriesen RCA ein. Gleichzeitig kann das kleine SUN-Label durch den Verkauf von Elvis die Karrieren seiner neuen Stars Johnny Cash und Carl Perkins und später Jerry Lee Lewis stärker fördern. Mit Erfolg: Nach Folsom Prison Blues wird die dritte Single von Johnny Cash im Mai 1956 seine erste No. 1 in den Country-Charts: Walk the line. Die Rückseite Get Rhythm – über das Schicksal eines Schuhputzers – hatte der markante Bassbariton ursprünglich für Elvis geschrieben.


Elvis kann im Jahr seines nationalen Durchbruchs sogar vier (!) No.1-Hits platzieren: Heartbreak Hotel, Don’t be cruel, Hound Dog und Love me tender (1 Million Vorbestellungen!). Nach 11 (!) Fernsehauftritten, meist im auffälligen Beale-Street-Look, erscheint im November der erste Kinofilm von Elvis (Pulverdampf und heiße Lieder).

Und auch an Jerry Lee geht die Massenhysterie um Elvis nicht vorbei. Er liest einen Zeitungsartikel über den 21jährigen Shootingstar und fasst den Entschluss, auch Berufsmusiker zu werden. Doch in Nashville macht ihm der künftige Studiogitarrist von Elvis, Chet Atkins, unmissverständlich klar, dass Jerry Lee besser Gitarre spielen solle als Klavier. Unbeeindruckt versucht er sein Glück in Memphis, bei SUN Records in der Union Avenue 706 – mit Erfolg. Der neue Studioproduzent Jack Clement schart zwei Studiomusiker (Roland Janes – Leadgitarre und James van Eaton – Schlagzeug) um den jungen Pianisten und spielt Sam Phillips die Demoaufnahmen vor. 
Am 1.12.1956 erscheint Jerry Lees Debut-Single: End of the road/Crazy arms.

Mr. Blue suede shoes

Carl Perkins (*9.4.32 – 19.1.98), Pionier des Rockabilly, hört Elvis erstmalig im Radio Juli 1954. Seine spontane Reaktion: „His style is a lot like mine“. Auch seine Frau Valda ist der Meinung: „It sounds like you.“

Im Gegensatz zu Elvis tourte Carl vor seiner Karriere bereits mit seinen beiden Brüdern Clayton (Bass) und Jay durch die Honky Tonks (Kneipen mit Livemusik und Alkoholausschank). Dabei ließ er sich wie Hank Williams die Gage gern in Litern auszahlen. Der Mann aus Jackson spielte für Weiße, ließ sich aber das Gitarrenspiel von Schwarzen zeigen. Sein Stil, Rockabilly, war zugleich die erste Spielart des Country-Rock. Auf der Suche nach einem Aufnahmestudio für ,seine‘ Musik nutzt Carl die Gelegenheit, „The Hillbilly Cat“ nach einem Auftritt anzusprechen. Elvis erzählt ihm vom SUN-Studio, und Carl fährt am 22. Oktober 1954 nach Memphis. Das Resultat: Movie Magg. Sam Phillips will jedoch keine Konkurrenz beim eigenen Label und richtet Carl Perkins stärker zum Country aus. Doch Ende 1955 ist Sam Phillips auf der Suche nach einem Elvis-Nachfolger und glaubt, ihn in Carl Perkins gefunden zu haben…



Nach dem Fortgang von Elvis zum Branchenriesen RCA spielt im Dezember 1955 ein entfesselter Carl Perkins seine dritte Single mit zwei Rockabilly-Titeln ein: Blue suede shoes / Honey don’t. Am 1.1.1956 wird die SUN-Single 234 veröffentlicht und wird nach Rock around the clock zur 2. Hymne des Rock’n’Roll. Die Idee zu diesem Song war entstanden, als Elvis, Johnny Cash und Carl Perkins im Herbst 1955 gemeinsam auf Tour waren und Johnny Cash von seiner Armeezeit in Deutschland erzählte. Cash und Perkins haben gerade ihre erste Single bei SUN veröffentlicht und werden gute Freunde. Schon ein halbes Jahr später führen die drei jungen Südstaatler die Hitparaden an: Carl Perkins mit Blue suede shoes, Elvis mit Heartbreak hotel und Johnny Cash im Juni mit Walk the line. (In den 70igern begleitet Carl Perkins die Johnny Cash-Tourneen als dessen Lead-Gitarrist.)

Im März 1956 sind die blauen Wildlederschuhe bereits an die Spitze aller Charts (Rhythm & Blues-, Country- und Popcharts) gewandert. Die Single verkauft sich 20.000 Mal pro Tag, und im Mai `56 hat das kleine Tonstudio in der Union Avenue 706 den ersten Million-Seller. Elvis singt den Song am 17.3. in der Dorsey Brothers TV-Show – vor Carl Perkins’ Fernsehdebut. Der soll den Song vier Tage später in der Perry Como TV-Show singen, verunglückt auf dem Weg dorthin mit dem Auto. Sam Phillips schenkt Carl nach der Krankenhausentlassung im April einen Fleetwood Cadillac, den dieser bereits vier Monate später (29.8.56) erneut zersägt.

Bei diesem Video erkennt man die Halskrause, die Carl Perkins‘ Bruder Jay (Rhythmusgitarre) noch aufgrund des Autounfalls tragen muss.

I wish I was in Dixie

Wenn man Rock’n’Roll geografisch betrachtet, landet man unweigerlich in den Südstaaten:

New Orleans war die Hauptstadt des Jazz, der Blechbläser.
Nashville wurde Ende der 40er das Country-Mekka; bedingt durch die Grand Ol’ Opry mit der größten Radio-Liveshow der Südstaaten.

Memphis war das Zentrum des Rhythm’n’Blues und wurde Anfang der 50er zur Rock’n’Roll-Hochburg. Und wenn man noch genauer hinschaut, findet man auch die Wiege des Rock’n’Roll…

…in der Union Avenue 706. Das legendäre SUN-Studio, Memphis Tennessee, wurde 1952 von Sam Phillips (*5.1.23 – 30.7.03) gegründet.
Ursprünglich als Memphis recording service gestartet, ebnete dieses kleine Tonstudio mit dem markanten Slapback-Echo dem Rhythm & Blues bzw. dem Rock ’n’ Roll den Weg. 


Sam Phillips, der Inhaber, hatte mehrere schwarze Künstler unter Vertrag und war u.a. Produzent von Ike Turner, Rufus Thomas, B.B. King und Big Joe Turner. Als der schwarze Rhythm & Blues allerdings mit der weißen Countrymusik verschmolz, wurde SUN zu einem wesentlichen Katalysator bei der Entstehung des weißen Rock’n’Roll. Es wurde zum künstlerischen Zentrum einer neuen Form von weißem „Rebel Rock“, den man Rockabilly taufte, eine explosive Mischung aus Blues und Honky Tonk-Country. Im Studio konzentrierte sich Sam Phillips in erster Linie darauf, den richtigen Moment für eine Aufnahme zu erfassen, ohne in den kreativen Prozess direkt einzugreifen. Schließlich ging es nicht darum, eine im technischen Sinne perfekt arrangierte Aufnahme vom Blatt zu spielen, sondern eine möglichst individuelle, spontan entstandene Aufnahme zu kreieren, die durch „perfect imperfection“ (perfekte Unvollkommenheit, Zitat Sam Philipps) vor allem die Emotion eines Songs bestmöglich transportierte. Es war eine wilde Musik, gesungen von weißen Countryboys, mit aggressiver Leidenschaft, die bewiesen, dass auch Hillbillys den Blues mit Beat spielen können.

Der erste Rock’n’Roll-Song

Die USA sind ein großes Land, und obwohl mit Radio und dem stark aufkommenden TV kulturelle Neuheiten von der einen Ecke des Landes in die andere gebracht wurden, gab es zumindest damals noch eigenständige, örtliche Entwicklungen. Eine davon war die von New Orleans, eine andere die von Chicago, weitere die von New York und Los Angeles. Nicht zu vergessen: Memphis in Tennessee, ein Schmelztiegel von schwarzem Rhythm & Blues und weißer Country-Musik. Hier landete unter vielen schwarzen Musikern Ike Turner aus Mississippi, der beim Music Recording Service, dem Vorläufer von SUN-Records, im März 1951 Rocket 88 aufnahm; ein Titel, der unter dem Namen seines Cousins und Sängers Jackie Brenston and his Delta Cats herauskam. Die angegebene Band „Delta Cats“ existierte nur namentlich; es spielten Turners „Kings of Rhythm“! Für den Produzenten Sam Phillips war Rocket 88 der erste Rock’n’Roll-Song, den auch Bill Haley als erste Rock’n’Roll-Coverversion eines schwarzen Rhythm & Blues-Titels in das eigene Rhythmussystem einpasste. Little Richard benutzte später das Piano-Intro unverändert für seinen Hit Good Golly Miss Molly. Der Erfolg der Platte (im Mai No. 1 der R&B-Charts) über das stromlinienförmige Oldsmobile (Steig in meine Rakete und komm nicht zu spät…) veranlasste Sam Phillips, sein eigenes Label zu gründen: SUN-Records.


Doch der wirklich erste Rock’n’Roll-Song wurde noch etwas eher aufgenommen. Ebenso tauchten die Begriffe Rock und Roll schon viele Jahre vorher in schwarzen Rhythm & Blues-Titeln auf: Bereits 1934 erschien ein Lied von einer Jazzgesangsformation (Boswell Sisters) mit genau diesem Titel. Das Radio erwachte in der Frühzeit des Rock’n’Roll zu neuem Leben. Es wurde zum Sprachrohr der neuen Musikwelle. So erlebte der Begriff „Rock’n’Roll“ den Durchbruch durch einen Disc-Jockey aus Cleveland, Ohio: Alan Freed, der Geburtshelfer des Rock‘n‘Roll.


Von Anfang an spielte er Songs von „Race-Labels“. Seine Auswahl an Rhythm & Blues- und Doowop-Platten war Welten entfernt von den Perry Como- und Patti Page-Schmachtfetzen, die sonst auf weißen Sendern liefen. Ab 1955 nutzte Mr. Rock’n’Roll, wie er gern genannt wurde, die Textzeile „Rock, rock, rock everybody, roll, roll, roll everybody“ aus Bill Haleys Rock-a-Beatin-Boogie, als Signet für seine Radio-Sendungen (Freeds Afterschool-Radioshow, Moondog Rock and Roll House Party). Entscheidend für seine Popularität war, dass der DJ die Musik auch live präsentierte. Er war sogar in Rock’n’Roll-Filmen zu sehen, etwa in Außer Rand und Band (Teil 1 + 2). Er brachte einer ganzen Generation von weißen Kids schwarze Musik näher, was ihm gewisse Leute nie verziehen.

Nun zum ersten Lied, das bereits alle Merkmale eines Rock & Roll-Songs aufweist: The fatman aus dem Jahre 1949, ein Selbstbekenntnis des viereckig gebauten Sängers und Pianisten Fats Domino. 

Fats Domino (*27.2.28) nahm seinen größten Hit Blueberry Hill am 27.6.56 in Hollywood auf – einen Titel, der bereits 1940 von Gene Autry (Singin’ cowboy) gesungen wurde und ein großer Hit für Glenn Miller wurde. Fats orientierte sich an der Version von Louis Armstrong.

Nach dem großen Erfolg von Fats Domino, spielte Elvis noch im gleichen Jahr, eine bluesige Version des Titels für seine erste Langspielplatte ein – also auch ein Song der quasi Schwarz und Weiß vereinte. Fats Domino schaffte als R&B-Künstler nahtlos den Übergang zum Rock’n’Roll (ohne seinen Stil im Geringsten zu ändern) und verkaufte bereits bis 1953 über eine Million Platten. Als er im Juli 1955 mit Ain’t that a shame, die Popcharts erreichte, rollte eine regelrechte Welle von schwarzen R&B-Künstlern an, die im Zuge der R’n’R-Explosion die Mainstream-Hitparaden eroberten.

Die Verbundenheit zu seinem Heimatort New Orleans drückte Fats Domino bereits 1959 in dem Song Walkin’ to New Orleans aus, ursprünglich geschrieben von Bobby Charles, dem Songwriter von See you later alligator. Aufgrund des verheerenden Hurrikans‚Katrina’ musste Fats am 29.8.2005 zwangsevakuiert werden.

Pionier des Rock’n’Roll: Bill Haley

Bill Haley (*6.7.25 – 9.2.81) nahm bereits als 19-jähriger 1944 seine erste Single auf: Westernswing, ein Teil der frühen Rock’n’Roll-Rezeptur, mit seiner Cowboy-Jive-Band, den Saddlemen. Die ersten Griffe auf der Gitarre zeigte ihm zuvor Hank Williams.
Eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Rock around the clock und Move it on over, dem ersten Hank Williams-Hit aus dem Jahre 1947, ist dabei verblüffend. 1951 war Bill Haley dann der erste weiße Künstler, der einen schwarzen (Rhythm & Blues) Song coverte: Rocket 88. Vorher war alles schwarz/weiß, wie das Fernsehen. Nach dem Erfolg von Rock this joint legte die Band ihr Cowboyimage ab und nannte sich ab 1952 „Comets“. Der erste nationale Top Twenty-Rock’n’Roll-Hit (No. 12 der Pop-Charts) folgte wenig später – im Mai 1953: Crazy man crazy.

Bill Haley gilt als R’n’R-Pionier und wird auch als Vater des Rock’n’Roll bezeichnet. Ein paar Monate lang war er der erste Mann der neuen Musik und ohne Zweifel ihr erster Superstar, doch als Elvis 1956 die Szene betrat, waren Haleys Tage als König des Rock’n’Rolls gezählt – obwohl Elvis 1955 sogar noch im Vorprogramm von Bill Haley auftrat.

Der Gitarrist Danny Cedrone, der das markante Solo (ursprünglich von Rock this joint) gespielt hatte, sollte den Erfolg von Rock around the clock nicht mehr miterleben. Er verunglückte drei Monate (20.7.54) nach der Aufnahme auf tragische Weise: Als er abends für seine Frau noch ein Sandwich holen wollte, stolperte er auf den Treppenstufen und brach sich das Genick.

Rock around the clock

Rock around the clock war nicht der Erste, aber ein sehr bedeutender, wegbereitender Rock’n’Roll-Song. So tauchte in den weiteren 50 Jahren dieser Klassiker immer wieder in den Charts auf. In Großbritannien war die Platte der erste Millionseller überhaupt und auch in Deutschland wurde der Clock-Song 1956 mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Als Urknall des Rock’n’Roll löste Rock around the clock geradezu eine Zeitwende in der Musikgeschichte aus. Es war die erste echte R’n‘R-Single, die eine Nr. 1-Position in den amerikanischen Charts erreichte. Bis zum Jahresende 1955 wurde sie 6 Millionen Mal verkauft, in der Folgezeit mit geschätzten über 25 Millionen verkaufter Platten avancierte sie schließlich zum umsatzstärksten Pop-Hit aller Zeiten. Für die einen war es die Hymne der Freiheit, für die anderen war es die Hymne des Terrors.


Anfang der 50er wuchs die Kluft zwischen Jung und Alt, Rock’n’Roll wurde zum Ventil einer ganzen (Jugend-)Generation. Die Teenager hatten fortan ihre eigene Jugendmusik und gleichzeitig einen eigenen Soundtrack für ihre Rebellion gegen die konservative Elterngeneration. Die Älteren sprachen abschätzig von Negermusik oder Hottentottenmusik. Für den unzufriedenen Nachwuchs spiegelte diese Musik jedoch die Sehnsucht nach Unabhängigkeit wider. Und die neue Zielgruppe der Teenager mit eigenem Geschmack, was Kleidung, Filme und Musik anging, hatte Kaufkraft! Der Blick der Elterngeneration war rückwärtsgewandt; die Jugend blickte nach vorn…

Aber wie war’s damals? Bill Haley und seine Comets verspäten sich am 12.4.54 um zwei Stunden zur 6-stündigen Aufnahmesession im Decca Studio A in New York, Manhattan, weil ihre Fähre auf Sand gelaufen ist. Somit verbleiben nach der Einspielung der A-Seite Thirteen women nur noch 40 Aufnahmeminuten für Rock around the clock. Da der Song live-erprobt ist, reicht die knappe Zeit. Die Comets orientieren sich beim Rhythmus an der typischen Offbeat-Betonung des Jump Blues ihres Labelkollegen Louis Prima.
Im Mai 1954 wird die Single (mit Rock around the clock als B-Seite) veröffentlicht und verkauft sich immerhin 75.000-mal. Beste Platzierung ist die Chartposition No. 23. Seine explosive Wirkung entfaltet der Clock-Song erst ein knappes Jahr später – durch einen Zufall: Der Sohn von Glenn Ford hört das Lied, während sein Vater mit dem Regisseur Richard Brooks über ein neues Filmprojekt spricht. Dieser sucht einen Soundtrack für „Saat der Gewalt“ (Blackboard jungle, Filmdebut 25.3.55): Es geht um Jugendkriminalität an Schulen. Gleich im Vorspann ertönt, was die Stunde geschlagen hat. Der zweimalige Einsatz des Haley-Titels verschafft der neuen Musikrichtung weltweit den Durchbruch, die fortan vom Musik-Establishment als Rock ’n’ Roll bezeichnet wird. Ein kometenhafter Aufstieg der Comets und der Musik ist die Folge…
1956 ertönt der Song dreimal erneut im gleichnamigen Musikkinofilm (zu dt. Außer Rand und Band) und sorgt für konstante Verkaufszahlen dieses Welthits.

1.1 Was ist Rock’n’Roll?

Es sind die neuen ausdrucksstarken Künstler, die durch ihre auffällige Performance dieser Musik Leben einhauchen. Sie bewegen sich anders, oftmals vulgärer. Diese Künstler haben zudem eine sehr rhythmische Art zu singen, besonders gut ist dieser Schluckaufgesang bei Buddy Holly zu hören.

Auch die Spielweise der Instrumente ist anders. So war es jahrelang verpönt, in der Grand ol‘ Opry mit Schlagzeug aufzutreten. Der Kontrabass übernimmt diese Funktion (Slap-Technik). Des Weiteren gesellt sich die elektrische Gitarre als prägendes Instrument dazu. Die Musik wurde mit Rock‘n‘Roll lauter, wilder und aggressiver.

Der Rhythmus ist ein sogenannter Backbeat bzw. Offbeat. Die Betonung liegt auf der 2 und 4. Bill Haley besingt in seinem Song Rock beatin‘ boogie die Zutaten des Rock‘n‘Roll: Rock + Beat + Boogie.

Und auch die Texte werden unverblümter und direkter. Man bedient sich fortan dem bildreichen Vokabular der Schwarzen.

Shake, rattle & roll

Die Blüte, die wilde Zeit des Rock’n’Roll war von 1956 – 1958. Die neue Musikrichtung „explodiert“ regelrecht, und landesweit wächst die Zahl der Künstler, denen althergebrachter Country zu zahm erscheint. Deshalb vermischen sie ihn immer stärker mit den schwarzen Elementen des Rhythm & Blues.

Auch textlich lässt diese Schar junger, frischer Musiker die üblichen heile-Welt-Themen außen vor. Es dreht sich fortan alles um ungezügelten, hemmungslosen Spaß am Leben und – der Skandal! – auch um den außerehelichen Sex. Nach und nach ersetzen die ersten Rock’n’Roll-Hits die alten Pop-Standards, und dank der von Wurlitzer erfundenen Jukebox hört man den Rock’n’Roll überall dort, wo Jugendliche sind.

Bill Haley 1stLP

Bill Haley 1stLP

Der erste Superstar der neuen 
Musik ist Bill Haley. Zwei Monate nach Rock around the clock nimmt er im Juni 1954 einen aktuellen Rhythm & Blues-Titel auf: Shake, rattle & roll, der noch vor Rock around the clock zum Top 10-Hit (No. 7) wird. Erst ein Jahr später überflügelt Rock around the clock begünstigt durch den Kinostreifen Blackboard Jungle die Cover-Version des Big Joe Turner-Titels. Bill Haley ist der erste Künstler, der Lieder von schwarzen Jump Blues-Künstlern wie Ike Turner, Louis Jordan oder Big Joe Turner interpretiert und in ein eigenes Rhythmussystem (Backbeat) einpasst. Das Piano in der Ursprungsversion vom Februar 1954 spielte für den Rhythm & Blues-Shouter Big Joe Turner (*18.5.11 – 23.11.85) ein noch unbekannter Fats Domino.

Bill Haley entschärft den R & B-Hit textlich, und schon gelangt das Lied im selben Jahr ein weiteres Mal in die Charts:

Big Joe: “Get out of that bed and wash your face and hands“
Korrektur Bill: “Get out of that kitchen and rattle those pots & pans”
Big Joe: „wearin’low dresses, sun comes shinin’ through“
Korrektur Bill: „wear those dresses, your hair done up so nice“
Big Joe: “I believe to the soul you’re the devil in nylon hose”
Korrektur Bill: “I believe you’re doin’ me wrong and now I know”


Aufgrund des Erfolges nimmt der „Boss des Blues“ Big Joe Turner am 19.2.55 den stilistisch ähnlichen Titel Flip, flop & fly auf, der von Elvis bei seinem erstem Fernsehauftritt am 28.1.56 in der Dorsey Stage-Show mit Shake, rattle & roll im Medley gesungen wird. Zum Entsetzen der älteren Generation singt der hüftschwingende Elvis die zweideutige Originalstrophe: „I got so many women, I don’t know which way to jump.“1957 gehen Big Joe und Bill Haley gemeinsam auf Australien-Tournee, in eben jenem Jahr, in dem in Amerika die strikte Rassentrennung aufgeweicht wird (seperate but equal-doctrine). Der Kampf gegen die Lynchjustiz verschärft sich.

Bill Haley landet 1955 noch drei weitere und damit insgesamt sechs Hits in den Billboard-Charts, gefolgt von einem Bestselleralbum Ende des Jahres und weiteren fünf Hits im Jahr 1956. 
Shake, rattle & roll gelangt Anfang der 70er erneut in die britischen Charts.

Wie kam der Rock zum Roll?

1954
Der Rock’n’Roll gibt ein lärmendes Debüt: Shake, rattle & roll ist der erste nationale Rock’n’Roll-Hit für Bill Haley & his Comets. Kurz zuvor erscheint Rock around the clock, wobei dieser Song seinen kometenhaften Aufstieg erst 1955 erlebt. Im Sommer nimmt Elvis seine 1. Single auf.

1955
Chuck Berry (Maybellene), Little Richard (Tutti frutti), Carl Perkins (Turn around) und Johnny Cash (Cry, cry, cry) bringen ihre ersten Singles heraus. Neben der Musik erscheinen auch die ersten Filme für/über Jugendliche: „Saat der Gewalt“ und „Außer Rand und Band“ oder „Denn sie wissen nicht, was sie tun…“.

1956
Elvis explodiert und löst eine Massenhysterie aus. Neue Rock’n’Roller und Songs schießen wie Pilze aus der Erde: Carl Perkins – Blue suede shoes, Roy Orbison – Ooby dooby, Gene Vincent – Be bop a lula, Bill Haley – Rip it up, Johnny Cash – Get rhthym, Webb Pierce – Teenage boogie, Eddie Cochran – 20 flight rock, Fats Domino – Blueberry Hill, Little Richard – Ready teddy. Zeitgleich formiert sich die Gegnerschaft. Bill Haley versucht im nächsten Film zu schlichten: Don’t knock the rock.

Und die neue Musikrichtung schwappt auch nach Deutschland über: der erste Hit von Peter Kraus heißt Tutti Frutti. Der 80-jährige Kanzler Adenauer ist entsetzt.

1957
Rock’n’Roll wird zur Flutwelle und ist überall in den Charts vertreten. Jerry Lee Lewis, Buddy Holly, die Everly Brothers, Ricky Nelson, Bob Luman, Big Bopper, Conway Twitty, Wanda Jackson, Brenda Lee …
Die Jukeboxes füllen sich mit Titeln wie I‘m walkin‘, Lucille, At the hop, Boni Maronie, Oh boy, Not fade away, Reelin‘ and rockin‘, Big river, C.C. Rider, Stood up, Black slacks…