They called us Rockabillies

Vom King of Rockabilly zum King of Country: Im selben Geburtsjahr 1932 wie Carl Perkins wuchs zehn Meilen entfernt ein weiterer künftiger Star auf – ein Interpret, der Country und Rockabilly auf seine Weise verband (ganz anders als der Nashville-Sound): Johnny Cash (*26.2.32 – 12.9.2003), the man in black, der Prototyp des harten, kompromisslosen Countryrockers.


Am 3.7.54 beendete Johnny Cash seinen Wehrdienst – nach vier miserablen Jahren, wie er selber sagte. (Ein Tag später wurde Deutschland WM-Sieger mit einem 3:2 gegen Ungarn). Er war in Landsberg stationiert, wo 1951 die letzten Todesurteile gegen Naziverbrecher vollstreckt wurden. Nach seiner Rückkehr in die USA jobbte Johnny Cash als Versicherungsvertreter und Staubsaugerverkäufer; war damit aber nicht sonderlich erfolgreich, da er die meiste Zeit im Auto saß, um Radio zu hören. Knapp vier Wochen nach seinem 23. Geburtstag, am 22.3.55, war es endlich soweit, und Johnny Cash erhielt eine Audienz bei Sam Phillips. Er bettelte förmlich, um vorspielen zu dürfen, und entschuldigte sich bei Sam Phillips für seine ‚einfachen’ Musiker (Luther Perkins und Marshall Grant), die aber für ihren unverwechselbaren Boom-chicka-boom-Rhythmus 1957 als `best new instrumental group’ ausgezeichnet wurden. Am 21.6.55 erschien die erste Single: Hey! Porter/Cry, cry, cry.

Während andere Gitarristen hungrig auf das Solo warten, hatte man bei Luther Perkins den Eindruck, er verschläft es. Der Minimalist: „Was du auf der Gitarre suchst, hab ich schon längst gefunden.“

Die Independent Labels

Größten Anteil am Wachsen des Rock’n’Roll hatten die Independent Record Labels, also die Plattenfirmen, die nicht zu den großen Konzernen wie RCA, Columbia, Capitol, Mercury oder Decca gehörten, z.B. Imperial in Hollywood (Fats Domino, Ricky Nelson), Specialty in Los Angeles (Little Richard, Larry Williams), Atlantic in New York City (Ray Charles), Chess in Chicago (Chuck Berry, Bo Diddley, Muddy Waters).

Die Major Labels agierten sehr vorsichtig. Sie orientierten sich zu sehr an den früheren Erfolgen und wollten diese immer weiter fortschreiben. Doch die Zeiten änderten sich, man konnte den jungen Leuten nicht 15 Jahre lang immer wieder z.B. Perry Como oder Frank Sinatra präsentieren, der ja in seinen früheren Jahren durchaus ein Star für die Teenies in Bobby Socks gewesen war. Erst 1957 interessierten sich auch die großen Major Labels für Rockabilly. Die Independent Labels hatten dagegen das Ohr am Volk, hier vor allem am jungen Volk. Neben den wohl größten Blues-Künstlern Howlin‘ Wolf und Muddy Waters zogen diese kleinen Labels ganz unverwechselbare Stilisten des Rock’n’Roll heran: Chuck Berry und Bo Diddley. (Film: Cadillac records)
Die Chess Brothers, deren jüdische Familie aus Polen gekommen war, schufen in Chicago den Chess-Konzern.


Eine andere Firma aus Los Angeles brachte die wohl heißesten Songs des Rock’n’Roll hervor: Art Rupes SPECIALTY. Wie IMPERIAL orientierte sich dieses Label zum großen Teil an Songs und Sounds aus New Orleans, übrigens nicht nur auf dem Gebiet des Rock’n’Roll, sondern auch im Gospel-Feld. Little Richard, Larry Williams und dessen Cousin Lloyd Price hießen bei dieser Firma die Stars des Rhythm & Blues/Rock’n’Roll. Lloyd Price aus New Orleans schaffte 1952 mit Lawdy Miss Clawdy (später von Elvis gecovert) eine R&B-No. 1. Die größten Verkäufe gelangen Art Rupe bei SPECIALTY allerdings mit dem Wunderwesen aus Macon/Georgia, Little Richard (*5.12.32).

Sein erster großer Hiterfolg sollte auch zu einer Erkennungsmelodie des Rock’n’Roll werden: Tutti Frutti. Ende 1955 erreichte der Urschrei A-wop-bop-a-loo-bop-a-lop-bam-boom Platz 2 der schwarzen Hitparade, in den Pop-Charts allerdings nur auf Platz 21. Allein zwischen 1956 und 1959 war Little Richard 16 Mal in den Top 100 der Pop-Charts vertreten, darunter viermal in den Top 20 (Long tall Sally, Slippin’ and slidin’, Rip it up, Good golly Miss Molly). 
In den Rhythm & Blues- Charts hatte er noch größere Erfolge und die meisten Nr. 1-Platzierungen. Und seine Hits wurden am laufenden Band gecovert, z.B. Tutti frutti von Elvis oder Peter Kraus (1. Single), Long tall Sally von Jerry Lee Lewis und später von Carl Perkins, Rip it up von Bill Haley und Buddy Holly oder Lucille von den Everly Brothers und später von den Beatles.

Ebenso macht sich Pat Boone als weißer, etablierter Künstler das Aufkommen der neuen Musikrichtung zunutze und covert mehrere Titel von Little Richard: Tutti Frutti + Long tall Sally (1956) oder Ain’t that a shame (1955) von Fats Domino. Ende 1956 sind seine weichgespülten Interpretationen für den weißen Markt sogar erfolgreicher als die Originalversionen. Der blitzsaubere Möchtegern-Rock’n‘Roller entschärft mit seinen verwässerten Versionen ursprüngliche Rhythm & Blues-Hits und frühe Rock’n’Roll-Klassiker. DJ Pionier Alan Freed findet diese blassen Kopien so übel, dass er sich strikt weigert, auch nur eine Platte von Pat Boone in seiner Radiosendung zu spielen.


Gleichermaßen covert Elvis auf seinen ersten beiden Platten viele frühe Rhythm & Blues-Titel (Hound dog – Big Mama Thornton 1952, Lawdy Miss Clawdy – Lloyd Price 1952) oder aktuelle Rock’n’Roll-Hits (Shake, rattle & roll, Long tall Sally, Blueberry Hill). Allerdings verhelfen Boone und Presley durch ihre Cover den Originalkünstlern zu größerer Popularität und somit auch zum Durchbruch. Wie kein anderer repräsentiert Little Richard die Schnittstelle zwischen Rock’n’Roll und Rhythm & Blues. War der Rock’n’Roll zu Beginn noch schwarz, wurde er später schwarz/weiß und zum Ende des Rock’n’Roll-Booms fast ausschließlich weiß.


Ein ähnliches Schicksal wie Little Richard ist auch Chuck Berry als schwarzem Künstler beschieden, der im wahrsten Sinne des Wortes ein Lied davon singen kann, dass andere mit seinen Songs viel Geld verdienten. Wie Fats Domino ist auch Chuck Berry weit über die 50er hinaus eine der größten und prägendsten Leitfiguren des Rock’n’Roll. Teenagerhymnen wie Roll over Beethoven, Sweet little sixteen und Johnny B. Goode werden zurecht zu den Standardwerken des Rock gezählt.

Mr. Blue suede shoes

Carl Perkins (*9.4.32 – 19.1.98), Pionier des Rockabilly, hört Elvis erstmalig im Radio Juli 1954. Seine spontane Reaktion: „His style is a lot like mine“. Auch seine Frau Valda ist der Meinung: „It sounds like you.“

Im Gegensatz zu Elvis tourte Carl vor seiner Karriere bereits mit seinen beiden Brüdern Clayton (Bass) und Jay durch die Honky Tonks (Kneipen mit Livemusik und Alkoholausschank). Dabei ließ er sich wie Hank Williams die Gage gern in Litern auszahlen. Der Mann aus Jackson spielte für Weiße, ließ sich aber das Gitarrenspiel von Schwarzen zeigen. Sein Stil, Rockabilly, war zugleich die erste Spielart des Country-Rock. Auf der Suche nach einem Aufnahmestudio für ,seine‘ Musik nutzt Carl die Gelegenheit, „The Hillbilly Cat“ nach einem Auftritt anzusprechen. Elvis erzählt ihm vom SUN-Studio, und Carl fährt am 22. Oktober 1954 nach Memphis. Das Resultat: Movie Magg. Sam Phillips will jedoch keine Konkurrenz beim eigenen Label und richtet Carl Perkins stärker zum Country aus. Doch Ende 1955 ist Sam Phillips auf der Suche nach einem Elvis-Nachfolger und glaubt, ihn in Carl Perkins gefunden zu haben…



Nach dem Fortgang von Elvis zum Branchenriesen RCA spielt im Dezember 1955 ein entfesselter Carl Perkins seine dritte Single mit zwei Rockabilly-Titeln ein: Blue suede shoes / Honey don’t. Am 1.1.1956 wird die SUN-Single 234 veröffentlicht und wird nach Rock around the clock zur 2. Hymne des Rock’n’Roll. Die Idee zu diesem Song war entstanden, als Elvis, Johnny Cash und Carl Perkins im Herbst 1955 gemeinsam auf Tour waren und Johnny Cash von seiner Armeezeit in Deutschland erzählte. Cash und Perkins haben gerade ihre erste Single bei SUN veröffentlicht und werden gute Freunde. Schon ein halbes Jahr später führen die drei jungen Südstaatler die Hitparaden an: Carl Perkins mit Blue suede shoes, Elvis mit Heartbreak hotel und Johnny Cash im Juni mit Walk the line. (In den 70igern begleitet Carl Perkins die Johnny Cash-Tourneen als dessen Lead-Gitarrist.)

Im März 1956 sind die blauen Wildlederschuhe bereits an die Spitze aller Charts (Rhythm & Blues-, Country- und Popcharts) gewandert. Die Single verkauft sich 20.000 Mal pro Tag, und im Mai `56 hat das kleine Tonstudio in der Union Avenue 706 den ersten Million-Seller. Elvis singt den Song am 17.3. in der Dorsey Brothers TV-Show – vor Carl Perkins’ Fernsehdebut. Der soll den Song vier Tage später in der Perry Como TV-Show singen, verunglückt auf dem Weg dorthin mit dem Auto. Sam Phillips schenkt Carl nach der Krankenhausentlassung im April einen Fleetwood Cadillac, den dieser bereits vier Monate später (29.8.56) erneut zersägt.

Bei diesem Video erkennt man die Halskrause, die Carl Perkins‘ Bruder Jay (Rhythmusgitarre) noch aufgrund des Autounfalls tragen muss.

I wish I was in Dixie

Wenn man Rock’n’Roll geografisch betrachtet, landet man unweigerlich in den Südstaaten:

New Orleans war die Hauptstadt des Jazz, der Blechbläser.
Nashville wurde Ende der 40er das Country-Mekka; bedingt durch die Grand Ol’ Opry mit der größten Radio-Liveshow der Südstaaten.

Memphis war das Zentrum des Rhythm’n’Blues und wurde Anfang der 50er zur Rock’n’Roll-Hochburg. Und wenn man noch genauer hinschaut, findet man auch die Wiege des Rock’n’Roll…

…in der Union Avenue 706. Das legendäre SUN-Studio, Memphis Tennessee, wurde 1952 von Sam Phillips (*5.1.23 – 30.7.03) gegründet.
Ursprünglich als Memphis recording service gestartet, ebnete dieses kleine Tonstudio mit dem markanten Slapback-Echo dem Rhythm & Blues bzw. dem Rock ’n’ Roll den Weg. 


Sam Phillips, der Inhaber, hatte mehrere schwarze Künstler unter Vertrag und war u.a. Produzent von Ike Turner, Rufus Thomas, B.B. King und Big Joe Turner. Als der schwarze Rhythm & Blues allerdings mit der weißen Countrymusik verschmolz, wurde SUN zu einem wesentlichen Katalysator bei der Entstehung des weißen Rock’n’Roll. Es wurde zum künstlerischen Zentrum einer neuen Form von weißem „Rebel Rock“, den man Rockabilly taufte, eine explosive Mischung aus Blues und Honky Tonk-Country. Im Studio konzentrierte sich Sam Phillips in erster Linie darauf, den richtigen Moment für eine Aufnahme zu erfassen, ohne in den kreativen Prozess direkt einzugreifen. Schließlich ging es nicht darum, eine im technischen Sinne perfekt arrangierte Aufnahme vom Blatt zu spielen, sondern eine möglichst individuelle, spontan entstandene Aufnahme zu kreieren, die durch „perfect imperfection“ (perfekte Unvollkommenheit, Zitat Sam Philipps) vor allem die Emotion eines Songs bestmöglich transportierte. Es war eine wilde Musik, gesungen von weißen Countryboys, mit aggressiver Leidenschaft, die bewiesen, dass auch Hillbillys den Blues mit Beat spielen können.

Der erste Rock’n’Roll-Song

Die USA sind ein großes Land, und obwohl mit Radio und dem stark aufkommenden TV kulturelle Neuheiten von der einen Ecke des Landes in die andere gebracht wurden, gab es zumindest damals noch eigenständige, örtliche Entwicklungen. Eine davon war die von New Orleans, eine andere die von Chicago, weitere die von New York und Los Angeles. Nicht zu vergessen: Memphis in Tennessee, ein Schmelztiegel von schwarzem Rhythm & Blues und weißer Country-Musik. Hier landete unter vielen schwarzen Musikern Ike Turner aus Mississippi, der beim Music Recording Service, dem Vorläufer von SUN-Records, im März 1951 Rocket 88 aufnahm; ein Titel, der unter dem Namen seines Cousins und Sängers Jackie Brenston and his Delta Cats herauskam. Die angegebene Band „Delta Cats“ existierte nur namentlich; es spielten Turners „Kings of Rhythm“! Für den Produzenten Sam Phillips war Rocket 88 der erste Rock’n’Roll-Song, den auch Bill Haley als erste Rock’n’Roll-Coverversion eines schwarzen Rhythm & Blues-Titels in das eigene Rhythmussystem einpasste. Little Richard benutzte später das Piano-Intro unverändert für seinen Hit Good Golly Miss Molly. Der Erfolg der Platte (im Mai No. 1 der R&B-Charts) über das stromlinienförmige Oldsmobile (Steig in meine Rakete und komm nicht zu spät…) veranlasste Sam Phillips, sein eigenes Label zu gründen: SUN-Records.


Doch der wirklich erste Rock’n’Roll-Song wurde noch etwas eher aufgenommen. Ebenso tauchten die Begriffe Rock und Roll schon viele Jahre vorher in schwarzen Rhythm & Blues-Titeln auf: Bereits 1934 erschien ein Lied von einer Jazzgesangsformation (Boswell Sisters) mit genau diesem Titel. Das Radio erwachte in der Frühzeit des Rock’n’Roll zu neuem Leben. Es wurde zum Sprachrohr der neuen Musikwelle. So erlebte der Begriff „Rock’n’Roll“ den Durchbruch durch einen Disc-Jockey aus Cleveland, Ohio: Alan Freed, der Geburtshelfer des Rock‘n‘Roll.


Von Anfang an spielte er Songs von „Race-Labels“. Seine Auswahl an Rhythm & Blues- und Doowop-Platten war Welten entfernt von den Perry Como- und Patti Page-Schmachtfetzen, die sonst auf weißen Sendern liefen. Ab 1955 nutzte Mr. Rock’n’Roll, wie er gern genannt wurde, die Textzeile „Rock, rock, rock everybody, roll, roll, roll everybody“ aus Bill Haleys Rock-a-Beatin-Boogie, als Signet für seine Radio-Sendungen (Freeds Afterschool-Radioshow, Moondog Rock and Roll House Party). Entscheidend für seine Popularität war, dass der DJ die Musik auch live präsentierte. Er war sogar in Rock’n’Roll-Filmen zu sehen, etwa in Außer Rand und Band (Teil 1 + 2). Er brachte einer ganzen Generation von weißen Kids schwarze Musik näher, was ihm gewisse Leute nie verziehen.

Nun zum ersten Lied, das bereits alle Merkmale eines Rock & Roll-Songs aufweist: The fatman aus dem Jahre 1949, ein Selbstbekenntnis des viereckig gebauten Sängers und Pianisten Fats Domino. 

Fats Domino (*27.2.28) nahm seinen größten Hit Blueberry Hill am 27.6.56 in Hollywood auf – einen Titel, der bereits 1940 von Gene Autry (Singin’ cowboy) gesungen wurde und ein großer Hit für Glenn Miller wurde. Fats orientierte sich an der Version von Louis Armstrong.

Nach dem großen Erfolg von Fats Domino, spielte Elvis noch im gleichen Jahr, eine bluesige Version des Titels für seine erste Langspielplatte ein – also auch ein Song der quasi Schwarz und Weiß vereinte. Fats Domino schaffte als R&B-Künstler nahtlos den Übergang zum Rock’n’Roll (ohne seinen Stil im Geringsten zu ändern) und verkaufte bereits bis 1953 über eine Million Platten. Als er im Juli 1955 mit Ain’t that a shame, die Popcharts erreichte, rollte eine regelrechte Welle von schwarzen R&B-Künstlern an, die im Zuge der R’n’R-Explosion die Mainstream-Hitparaden eroberten.

Die Verbundenheit zu seinem Heimatort New Orleans drückte Fats Domino bereits 1959 in dem Song Walkin’ to New Orleans aus, ursprünglich geschrieben von Bobby Charles, dem Songwriter von See you later alligator. Aufgrund des verheerenden Hurrikans‚Katrina’ musste Fats am 29.8.2005 zwangsevakuiert werden.

Hank Williams – Vater der Countrymusik

Der Lovesick blues boy war der größte Name der Honky Tonk-Szene (*17.9.23 – 1.1.53). Sein Name stand für Feiern, Frauen, Vollgas. Er hatte 1950 seine erste No. 1 mit dem Titel Long gone lonesome blues. Die nächste No. 1, Hey good lookin’, folgte bereits 1951. Der bekannteste Titel von Hank Williams erreichte die Chartspitzenposition im April 1952: Jambalaya. Kurz darauf starb er in der Silvesternacht 1952 in den Bergen Virginias auf dem Weg zu seinem nächsten Konzert. Sein früher Tod nach einem Leben voll Alkohol- und Drogenexzessen (Schmerzmittel) besiegelte ein Schicksal, das bald schon als typisch für Rockstars gelten sollte.

Hank Williams nahm in seinen 29 Lebensjahren 66 Songs auf, davon waren 41 Lieder in den Charts. Unzählige Künstler coverten seine Songs: Elvis, Bill Haley, Jerry Lee Lewis, Gene Vincent, die Everly Brothers, aber auch schwarze Interpreten wie Fats Domino, Bo Diddley, Louis Armstrong, Little Richard oder Ray Charles und Pop-Künstler wie Pat Boone, Dean Martin und natürlich Country-Interpreten wie Johnny Cash, Marty Stuart, Garth Brooks oder Dwight Yoakam. Selbst Künstler des neuen Jahrtausends wie Wet Wet Wet, Red Hot Chilli Peppers und Andy Lee interpretieren die Songs von Hank Williams.


„Aufrichtigkeit macht unsere Musik so erfolgreich. Ein Hillbilly singt ehrlicher als die meisten Entertainer, denn er ist unter härteren Umständen aufgewachsen. Man muss eine ganze Menge Maultiermist gerochen haben, bevor man singen kann wie ein Hillbilly!“

Rhythm ’n‘ blues – Country & Western

Eine interessante Entwicklung förderte dann die weitere Entwicklung des Rock’n’Roll: Eine Wirtschaftkrise in den USA war es, die viele Big Band-Leader zwang, auf kleinere Combos umzusteigen; Tourneen mit großer Besetzung wurden zu kostspielig. 
Betroffen war auch Johnny Otis, der sich Ende der 40er Jahre vom Jazz zu einer Musik wandte, die zwar schon Rock’n’Roll war, aber nicht so hieß. Vielmehr nannte man sie Rhythm & Blues; die verbotene, die schwarze Seite des Rock’n’Roll. Johnny Otis landete 1957 seine erste (und einzige) Hit-Single mit Willie and the hand jive.

Wie der Rhythm & Blues spielte auch die Countrymusik eine Schlüsselrolle bei der Geburt des Rock’n’Roll, die weiße Seite des Rock’n’Roll. Und wer Country sagt, muss auch Western sagen. Hollywood verhalf der Western Music durch die Darsteller (Singin’ cowboys) zum endgültigen Durchbruch. Sogar John Wayne hat in einigen seiner frühen Filme gesungen bzw. so getan – in Wirklichkeit liehen ihm richtige Sänger ihre Stimme.


Kein Instrument verbindet die beiden Stilrichtungen Rhythm & Blues und Country & Western mehr als das Piano. Hier vereinen sich harmonisch schwarze und weiße Tasten. Eine schwarze Spielart des Rhythm & Blues war der Boogie Woogie. Das Tempo ist im Vergleich zum Blues erheblich höher und erfordert einige technische Fähigkeiten. Der Rhythmus wird bei diesem Solo-Klavierstil durch den rollenden Bass der linken Hand geprägt. Diesen stampfenden Beat nutzte später auch Jerry Lee Lewis (mit seinem „pumpin’ piano“). Jerry Lee hatte seine eigene Definition zur Entstehung des Rock & Roll: „They called it blues. They called it Boogie Woogie. Then they changed the name of it to Rock and Roll.“

Pionier des Rock’n’Roll: Bill Haley

Bill Haley (*6.7.25 – 9.2.81) nahm bereits als 19-jähriger 1944 seine erste Single auf: Westernswing, ein Teil der frühen Rock’n’Roll-Rezeptur, mit seiner Cowboy-Jive-Band, den Saddlemen. Die ersten Griffe auf der Gitarre zeigte ihm zuvor Hank Williams.
Eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Rock around the clock und Move it on over, dem ersten Hank Williams-Hit aus dem Jahre 1947, ist dabei verblüffend. 1951 war Bill Haley dann der erste weiße Künstler, der einen schwarzen (Rhythm & Blues) Song coverte: Rocket 88. Vorher war alles schwarz/weiß, wie das Fernsehen. Nach dem Erfolg von Rock this joint legte die Band ihr Cowboyimage ab und nannte sich ab 1952 „Comets“. Der erste nationale Top Twenty-Rock’n’Roll-Hit (No. 12 der Pop-Charts) folgte wenig später – im Mai 1953: Crazy man crazy.

Bill Haley gilt als R’n’R-Pionier und wird auch als Vater des Rock’n’Roll bezeichnet. Ein paar Monate lang war er der erste Mann der neuen Musik und ohne Zweifel ihr erster Superstar, doch als Elvis 1956 die Szene betrat, waren Haleys Tage als König des Rock’n’Rolls gezählt – obwohl Elvis 1955 sogar noch im Vorprogramm von Bill Haley auftrat.

Der Gitarrist Danny Cedrone, der das markante Solo (ursprünglich von Rock this joint) gespielt hatte, sollte den Erfolg von Rock around the clock nicht mehr miterleben. Er verunglückte drei Monate (20.7.54) nach der Aufnahme auf tragische Weise: Als er abends für seine Frau noch ein Sandwich holen wollte, stolperte er auf den Treppenstufen und brach sich das Genick.

Rock around the clock

Rock around the clock war nicht der Erste, aber ein sehr bedeutender, wegbereitender Rock’n’Roll-Song. So tauchte in den weiteren 50 Jahren dieser Klassiker immer wieder in den Charts auf. In Großbritannien war die Platte der erste Millionseller überhaupt und auch in Deutschland wurde der Clock-Song 1956 mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Als Urknall des Rock’n’Roll löste Rock around the clock geradezu eine Zeitwende in der Musikgeschichte aus. Es war die erste echte R’n‘R-Single, die eine Nr. 1-Position in den amerikanischen Charts erreichte. Bis zum Jahresende 1955 wurde sie 6 Millionen Mal verkauft, in der Folgezeit mit geschätzten über 25 Millionen verkaufter Platten avancierte sie schließlich zum umsatzstärksten Pop-Hit aller Zeiten. Für die einen war es die Hymne der Freiheit, für die anderen war es die Hymne des Terrors.


Anfang der 50er wuchs die Kluft zwischen Jung und Alt, Rock’n’Roll wurde zum Ventil einer ganzen (Jugend-)Generation. Die Teenager hatten fortan ihre eigene Jugendmusik und gleichzeitig einen eigenen Soundtrack für ihre Rebellion gegen die konservative Elterngeneration. Die Älteren sprachen abschätzig von Negermusik oder Hottentottenmusik. Für den unzufriedenen Nachwuchs spiegelte diese Musik jedoch die Sehnsucht nach Unabhängigkeit wider. Und die neue Zielgruppe der Teenager mit eigenem Geschmack, was Kleidung, Filme und Musik anging, hatte Kaufkraft! Der Blick der Elterngeneration war rückwärtsgewandt; die Jugend blickte nach vorn…

Aber wie war’s damals? Bill Haley und seine Comets verspäten sich am 12.4.54 um zwei Stunden zur 6-stündigen Aufnahmesession im Decca Studio A in New York, Manhattan, weil ihre Fähre auf Sand gelaufen ist. Somit verbleiben nach der Einspielung der A-Seite Thirteen women nur noch 40 Aufnahmeminuten für Rock around the clock. Da der Song live-erprobt ist, reicht die knappe Zeit. Die Comets orientieren sich beim Rhythmus an der typischen Offbeat-Betonung des Jump Blues ihres Labelkollegen Louis Prima.
Im Mai 1954 wird die Single (mit Rock around the clock als B-Seite) veröffentlicht und verkauft sich immerhin 75.000-mal. Beste Platzierung ist die Chartposition No. 23. Seine explosive Wirkung entfaltet der Clock-Song erst ein knappes Jahr später – durch einen Zufall: Der Sohn von Glenn Ford hört das Lied, während sein Vater mit dem Regisseur Richard Brooks über ein neues Filmprojekt spricht. Dieser sucht einen Soundtrack für „Saat der Gewalt“ (Blackboard jungle, Filmdebut 25.3.55): Es geht um Jugendkriminalität an Schulen. Gleich im Vorspann ertönt, was die Stunde geschlagen hat. Der zweimalige Einsatz des Haley-Titels verschafft der neuen Musikrichtung weltweit den Durchbruch, die fortan vom Musik-Establishment als Rock ’n’ Roll bezeichnet wird. Ein kometenhafter Aufstieg der Comets und der Musik ist die Folge…
1956 ertönt der Song dreimal erneut im gleichnamigen Musikkinofilm (zu dt. Außer Rand und Band) und sorgt für konstante Verkaufszahlen dieses Welthits.

1.1 Was ist Rock’n’Roll?

Es sind die neuen ausdrucksstarken Künstler, die durch ihre auffällige Performance dieser Musik Leben einhauchen. Sie bewegen sich anders, oftmals vulgärer. Diese Künstler haben zudem eine sehr rhythmische Art zu singen, besonders gut ist dieser Schluckaufgesang bei Buddy Holly zu hören.

Auch die Spielweise der Instrumente ist anders. So war es jahrelang verpönt, in der Grand ol‘ Opry mit Schlagzeug aufzutreten. Der Kontrabass übernimmt diese Funktion (Slap-Technik). Des Weiteren gesellt sich die elektrische Gitarre als prägendes Instrument dazu. Die Musik wurde mit Rock‘n‘Roll lauter, wilder und aggressiver.

Der Rhythmus ist ein sogenannter Backbeat bzw. Offbeat. Die Betonung liegt auf der 2 und 4. Bill Haley besingt in seinem Song Rock beatin‘ boogie die Zutaten des Rock‘n‘Roll: Rock + Beat + Boogie.

Und auch die Texte werden unverblümter und direkter. Man bedient sich fortan dem bildreichen Vokabular der Schwarzen.

Wie kam der Rock zum Roll?

1954
Der Rock’n’Roll gibt ein lärmendes Debüt: Shake, rattle & roll ist der erste nationale Rock’n’Roll-Hit für Bill Haley & his Comets. Kurz zuvor erscheint Rock around the clock, wobei dieser Song seinen kometenhaften Aufstieg erst 1955 erlebt. Im Sommer nimmt Elvis seine 1. Single auf.

1955
Chuck Berry (Maybellene), Little Richard (Tutti frutti), Carl Perkins (Turn around) und Johnny Cash (Cry, cry, cry) bringen ihre ersten Singles heraus. Neben der Musik erscheinen auch die ersten Filme für/über Jugendliche: „Saat der Gewalt“ und „Außer Rand und Band“ oder „Denn sie wissen nicht, was sie tun…“.

1956
Elvis explodiert und löst eine Massenhysterie aus. Neue Rock’n’Roller und Songs schießen wie Pilze aus der Erde: Carl Perkins – Blue suede shoes, Roy Orbison – Ooby dooby, Gene Vincent – Be bop a lula, Bill Haley – Rip it up, Johnny Cash – Get rhthym, Webb Pierce – Teenage boogie, Eddie Cochran – 20 flight rock, Fats Domino – Blueberry Hill, Little Richard – Ready teddy. Zeitgleich formiert sich die Gegnerschaft. Bill Haley versucht im nächsten Film zu schlichten: Don’t knock the rock.

Und die neue Musikrichtung schwappt auch nach Deutschland über: der erste Hit von Peter Kraus heißt Tutti Frutti. Der 80-jährige Kanzler Adenauer ist entsetzt.

1957
Rock’n’Roll wird zur Flutwelle und ist überall in den Charts vertreten. Jerry Lee Lewis, Buddy Holly, die Everly Brothers, Ricky Nelson, Bob Luman, Big Bopper, Conway Twitty, Wanda Jackson, Brenda Lee …
Die Jukeboxes füllen sich mit Titeln wie I‘m walkin‘, Lucille, At the hop, Boni Maronie, Oh boy, Not fade away, Reelin‘ and rockin‘, Big river, C.C. Rider, Stood up, Black slacks…